BP-10 - Selbst gebautes Allzweckmesser „Ulu“

 

verfasst 2013 - geändert am 14.02.2013

 

Um wieder näher an „Outdoor“ und zu den praktischen Anwendungen zu gelangen, möchte ich mein neuestes Equipment vorstellen: mein Allzweckmesser.

 

Weil ich meist mit dem Seekajak unterwegs bin, habe ich mir gedacht, mein Messer sollte stilecht zu einem Seekajak passen. Ich habe mich da an die Eskimos angelehnt und mir ein „Ulu“ zugelegt, das Vielseitigkeits-Messer der Inuit.

 

Wikipedia beschreibt das Ulu folgendermaßen: „Das Ulu (Plural: Uluit),auch Ulo, ist ein Messer, das traditionell von den Frauen der Inuit genutzt wird. Die Grundform ist eine dünne Klinge mit halbkreisförmiger Schneide und einem Griff mittig an der Gegenseite. Es wird zum Häuten und Zerteilen der Jagdbeute, Filetieren von Fischen und zum Zubereiten und Zerkleinern der Nahrung eingesetzt.“

 

Das Ulu benutzen nicht nur die Frauen, sondern früher auch die Jäger in ihren Kajaks, wenn sie die Jagdbeute an Land geschafft hatten und sie dann verarbeiteten und untereinander aufteilten.

 

Ich habe die Form des Ulu gewählt, weil ich die selben Arbeiten auf meinen Touren erledige, wie die Inuits. Persönlich benötige ich unterwegs kein Survival-Messer und ein Tacticla-Knife erst recht nicht. Zum Selbstschutz genügt mir ein Stock und meine Kenntnisse in der Selbstverteidigung, davon insbesondere die präventiven Maßnahmen.

 

Folgende Anforderungen habe ich an mein Ulu gestellt: rostfreier Messerstahl, einfaches Konzept, robust, zerlegbar, relativ leicht, Selbstbau.

 

 

Bild 1: Das Ergebnis meines selbst entworfenen und gebauten Messers. Es ist ein reines Gebrauchsmesser. Ich habe keinen Wert auf Schönheit gelegt, sondern auf Alltagstauglichkeit. Weil die Klinge aus rostfreiem Messerstahl besteht, habe ich sie nicht poliert. Bei ständigem Gebrauch sind Kratzer sowieso unvermeidbar und für die Vitrine ist dieses Ulu nicht vorgesehen.

 

Die Maße: Breite: 129 mm, Höhe: 105 mm, Bogenlänge der Klinge: 158 mm, Klingenstärke: 1,3 mm, Gewicht: 101 g, Schneidwinkel: 10 - 15 Grad. Der Winkel kann auch unter 10 Grad gewählt werden. Dadurch neigt aber die Klinge zum leichteren Ausbrechen (Rasiermesserschärfe). 

 

Besonderheiten: japanischer Anschliff der Schneide (dadurch schärfer, wegen des kleineren Schneidwinkels), Griff aus Buche.

 

Einfache Befestigung des Griffs mittels Gewindestange (6 mm), Scheiben und Muttern (mit dem Bordwerkzeug zerlegbar) nicht rostfrei. Sie wird aber demnächst durch eine rostfreie Verschraubung ersetzt. Die Verbindung sieht zwar nicht sehr elegant aus, aber sie behindert nicht das Arbeiten mit dem Ulu. Durch die große Auflagefläche verbindet eine einzige Schraube den Griff mit der Klinge sehr sicher, sodass ich die zusätzliche Verklebung sparen konnte. Natürlich könnte man spezielle Messergriffschrauben einsetzen, die dann in den Griff versenkt werden.

 

Weil das Ulu durch die Form sehr stabil ist, reicht eine Klingenstärke von 1,3 mm völlig aus. Ein Klingenbruch ist nicht zu befürchten.

Ein Forumsmitglied der Outdoorseiten fand mein Messer als recht gelungen, meinte aber süffisant, es sei aber für das Filetieren von Fischen weniger geeignet.

 

Ein weiteres Forumsmitglied stellte ein Photo aus Ostgrönland ein, das ich hier ebenfalls zeigen möchte.

 

 

Bild 2: Das Bild von dem Forumsmitglied mit dem Pseudonym „andresen“ stellt das Arbeiten mit einem Ulu dar, auf das ein weiteres Forumsmitglied einging und es als ein gutes Beispiel aus der Praxis bezeichnete und fragte, ob es sich bei dem geschlachteten Tier um eine Robbe handelte.

 

Den drei Usern antwortete ich mit folgenden Kommentar:

 

Danke für Eure netten ergänzenden Beiträge, und es freut mich, dass das Ulu als Schneidwerkzeug allgemein gefällt. Es ist dem „Halbmondmesser“ sehr ähnlich, das bei uns in der Lederbearbeitung zum Zurichten eingesetzt wird. Diese Messerart der Inuit hat mich schon als Jugendlicher fasziniert, als ich im Internat am Tegernsee zum ersten Mal in Fridtjof Nansens Buch „Eskimoleben“ von einem Ulu gelesen habe.

 

Oft muss man feststellen, dass die simplen Lösungen einer Sache oder Idee schwieriger zu planen und zu realisieren sind und wesentlich mehr Denkaufwand erfordern, als die aufwändigeren, kostenintensiveren aber ohne viel Hirnschmalz kreierten Wege, die zum selben Erfolg führen. Ich hab' das schon einmal geschrieben: „Komplizierte Lösungen sind einfach, einfache Lösungen hingegen kompliziert.“

 

Mit dem Filetieren von Fisch wirst Du sicherlich recht haben. Da wird so manche Gräte mit in die Pfanne wandern, wenn man sie nicht vorher mit einer Pinzette herauszieht, weil das Ulu sie glatt durchgeschnitten hat. So flexibel wie ein Filetiermesser ist das Ulu gewiss nicht. Vielleicht haben die Autoren von Wikipedia mehr das Zerwirken und Ausnehmen von Fischen gemeint oder sie sind einfach von größeren Exemplaren ausgegangen - von der Größe eines Meeresbewohners zum Beispiel, wie auf dem Photo aus Ostgrönland. Danke, dass das Bild hier eingestellt worden ist.

 

Bei dem aufgebrochenen Tier im Hintergrund von dem Photo müsste es sich tatsächlich um eine Robbe handeln. Zu erkennen ist es an den Gliedmaßen, die zu Flossen umgebildet sind: Beinflossen sind deutlich zu erkennen, eine Armflosse spitzt unter der aufgeklappten Bauchdecke hervor. Auch die Schnauzenspitze ist zu sehen. Ich hoffe, ich liege mit meiner Einschätzung richtig.

 

Wie feststellt worden ist, zeigt das Photo aus Ostgrönland ein grandioses Beispiel aus der Praxis und ist ein Beweis, dass die alten Werkzeuge auch heute noch ihre Daseinsberechtigung haben.

 

Einen so großen Fisch, in der Dimension einer Robbe wie auf dem Bild, habe ich am Mittelmeer beim morgendlichen Einholen der Fischernetze nur einmal vor der Insel Lefkada (Ionische Insel, Griechenland) gesehen, als ein Thunfisch in den Maschen gehangen ist und wild gezappelt hat, bis der Fischer ihn mit einem Prügel und einem derben Schlag auf denKopf final „ruhig gestellt“ hat.

Das Forumsmitglied mit dem Pseudonym „andresen“ verlinkte auf ein weiteres Photo, das er aber wegen der „Blutrünstigkeit“ nicht in das Forum der Outdoorseiten einstellen wollte. Ich möchte es aber hier trotzdem zeigen, weil es meine Vermutung, es sei eine Robbe, eindeutig bestätigt hat.

 

 

Bild 3: Der User „andresen“ bei den Outdoorseiten hat zu seinem Bild außerdem erklärt, dass die Kinder im Hintergrund auf Leckerli scharf gewesen sind, die aus Mattak und Robbenspeck bestanden haben. Gerne möchte ich „andresen“ mit seinen eigenen Worten zu dem Robbenspeck zitieren: „Ich habe auch probieren dürfen. Na ja: „...“ mehr sag ich nicht“, was auch aus meiner Sicht bestimmt verständlich zu sein scheint. Zu dem Messer hat er sich geäußert, dass er anstelle des Ulus, lieber sein „Billig-Opinel“ verwenden würde, weil er sehr selten eine Robbe schlachten müsse.

 

Ihm antwortete ich mit folgendem Text:

 

Vielen Dank für Deine zusätzlichen Ausführungen zu dem von Dir eingestellten und dem weiteren verlinkten Bild.

 

Die „Leckerli“ der Kinder aber auch der Jäger in den Entdeckerjahren der Inuits waren nicht nur Mattak (Walhaut mit der darunter liegenden Fettschicht/Schwarte) und Robbenspeck wie heute, sondern auch die Innereien der erlegten Tiere. Sogar deren Mageninhalt wurde geschätzt, weil man in der Winterzeit und zur Jagdsaison keine lebenswichtige pflanzliche Nahrung gefunden hat (Nansen: Eskimoleben). Für uns Europäer sind diese Leckereien natürlich schon extreme Geschmackssache, wie Du so elegant formuliert hast. Für die Ur-Eskimos, die noch nicht mit den positiven aber leider auch negativen Errungenschaften der „modernen“ Zivilisation in Berührung gekommen sind, war diese traditionelle Versorgung mit Nahrung damals überlebenswichtig.

 

Für mich als Messersammler stellt das Ulu eine selbständige,einzigartige Entwicklung eines Schneidwerkzeugs dar, das auch universell eingesetzt werden kann - außer als Kampfmesser. Das haben die Inuits nicht gebraucht, weil sie ihre Streitigkeiten auf eine andere, wesentlich humanere, niveauvollere Art gelöst haben, als der Rest der Welt. Diese progressive, authentische Weise der Konfliktlösung hat man aber den Eskimos bei der christlichen Missionierung sehr schnell abgewöhnt und ausgetrieben.

 

Polizei, Gerichte, Gefängnisse und der fromme Glaube kamen erst nach der Ankunft der so „fortschrittlichen“ Europäer und das Verbrechen (Prostitution, Drogen, Vertreibung usw.) durch den Aufbau der Thule Air Base nach dem 2. Weltkrieg durch die Amerikaner in Mode. Jeder „Grönlandfahrer“ sollte sich vor der Abreise mit den kritischen Werken von Jean Malaurie als Pflichtlektüre befassen, damit ihm verbindlich vor Augen geführt wird und er erkennt, welchen negativen, schädlichen Einfluss der Homo Sapiens Sapiens, der „moderne Mensch“ - also wir - als Entdecker, Eroberer und Touristen auf die Urbevölkerung in Grönland und der ganzen Region unter dem Sternbild des Großen Bären (Arktis) ausgeübt haben.

 

Auf Deinen Hinweis, dass Du ein „Billig-Opinel“ verwendest, möchte ich schon etwas kritisch eingehen. Ich persönlich halte das Messer von Opinel als kostengünstig, aber keineswegs als „billig“.(Smileys: „Lächeln“ und „Zwinkern“) Es charakterisiert, meiner Meinung nach, eine der gelungensten Entwicklungen von arretierbaren Klappmessern im geöffneten und geschlossenen Zustand, bei dem eine Vereinfachung (besteht nur aus 5 Teilen: Klinge, Griff, Drehzapfen, Manschette und Sicherungsring) und kaum eine Verbesserung noch möglich sind. Lediglich könnte man durch Aufbiegen der Enden am Sicherungsring die Option der Einhand-Verriegelung mit dem Daumen verwirklichen und eine Schleifkrebe am Klingenende zum leichteren Schärfen anbringen, die man aber mit einer schmalen Trennscheibe leicht selber verwirklichen kann. Das Standardmodell mit einer Klingenlänge von 8 cm (Opinel, Nummer 7) oder für England-Freaks mit 7 cm Klingenlänge, denn das Opinel, Nummer 6 darf auch in Großbritannien in der Öffentlichkeit geführt und verwendet werden, finde ich als reines Schneidwerkzeug für optimal. Allerdings ist es für grobe Arbeiten (Hebeln, Spalten, Bohren) weniger geeignet.

 

Kleine Anmerkung zum Urheberrecht: Ich hoffe „andresen“ hat nichts dagegen, wenn ich seine beiden Photos (Bilder 2 und 3) hier im Text eingestellt habe. Zusätzlich möchte ich den Link zu seiner äußerst interessanten Homepage "http://umiaq.de/" bekanntgeben, klicke "hier". Mit dem Hinweis im Bildtext auf die fremde Urheberschaft und dem vorstehenden Link zur Quelle der beiden Bilder müsste ich eigentlich meinen rechtlichen Pflichten nachgekommen sein. 

Scheinbar habe ich „Wikipedia“ zu sehr vertraut und das entgegen meiner sonst kritischen Einstellung gegenüber der Richtigkeit der Wikipedia-Ausführungen, als ich den Passus für England übernommen und oben als zusätzlichen Hinweis eingefügt habe. Ein Moderator der Outdoorseiten wies auf diesen Fehler und auf ein Unterforum hin, das dieses Thema eingehend behandelt hat. Er führte an, dass „feststellbare Klappmesser im UK per se verboten sind, unabhängig von der Klingenlänge“.

 

Ich machte mich im Internet kundig und musste einsehen, dass die Gesetzeslage in Großbritannien nicht so eindeutig ist, wie in Wikipedia beschrieben. Scheinbar ist es mehr von dem einzelnen Beamten abhängig, mit dem man zu tun bekommen hat und auf die Argumente, die man selber vorgibt, mit der eine "Zweckgebundenheit" für den Gebrauch eines feststehenden oder feststellbaren Messers in der Natur notwendig ist. Meines Erachtens kommt es dabei überwiegend auf die „Chemie“ zwischen den beiden Gesprächspartner an.

 

Ihm antwortete ich folgendermaßen.

 

Es tut mir Leid, dass ich auf die Rechtslage in Großbritannien nicht ausführlicher eingegangen bin. Ich habe auch noch nicht die Gelegenheit gehabt, in England meine direkten praktischen Erfahrungen sammeln zu können. Da wäre ich bei einer Kontrolle wahrscheinlich im Knast gelandet! (Smiley: „Lächeln“) Gut, dass Du auf das Unterforum „Werkzeug und Technik“ hingewiesen hast.

 

Eigentlich wollte ich nur auf die Bemerkung des „Vorschreibers“ zu den Messern von Opinel eingehen und ihm ein Kompliment für die gute Wahl machen, weil er für den Outdoorbereich dieses Messer bevorzugt. Ich besitze auch einige „Opinels“ und finde sie in ihrer Einfachheit hervorragend. Trotzdem habe ich mich bei Wikipedia über diese Messer informiert, um die einzelnen Bauteile genau benennen zu können (siehe hier). Im Absatz über die „Alltagskultur“ habe ich dann die Bemerkung über das Führen eines Opinel-Messers in England gelesen und die Informationen in meinen Bericht übernommen. Scheinbar sind die Angaben in Wikipedia aber falsch.

 

Im „Ratgeber Messerrecht in Europa“, zusammengestellt von dem Messerhersteller Victorinox (siehe da und dann unter Großbritannien) wurde erklärt, dass das Führen eines feststellbaren Messers im Outdoorbereich unter bestimmten Voraussetzungen möglich sei. Zitat der betreffenden Stellen im Text:

 

... Zweckgebundenes Tragen von Klappmessern ohne Arretierung mit einer Klingenlänge von bis zu drei Zoll (7,6 cm), beispielsweise bei der Arbeit oder beim Wandern und Angeln, ist grundsätzlich erlaubt. ... Es gilt jedoch der Ermessensspielraum der Beamten und der Grundsatz des „legal reason“. Bei Outdoor- Aktivitäten, die eine feststellbare Klinge verlangen, darf man auch ein feststellbares Messer oder gleich ein feststehendes Messer benutzen, selbst wenn die Klinge länger als 7,6 Zentimeter ist - wenn der Beamte Ihnen Ihre Beweggründe abnimmt ... In der Natur sind - mit berechtigtem Interesse - auch feststellbare Messer und feststehende Messer erlaubt ...

 

Ich möchte hier keine neue Grundsatzdiskussion über das Messertragerecht in Großbritannien vom Zaun brechen! Jeder Reisende, der ins Ausland fährt, sollte sich eingehend über das dortige Waffenrecht informieren, wenn er ein großes Messer mitnehmen will.

 

Letztendlich kommt es immer auf das Verhalten des Einzelnen in der Öffentlichkeit an, ob er einem englischen Bobby negativ auffällt, der ihn dann kontrolliert. Wer absolut sicher gehen will, sollte auf einer Wanderung in England grundsätzlich auf feststehende und feststellbare Messer verzichten und nur ein Klappmesser unter 3 Zoll dabeihaben und dasselbige ganz tief im Rucksack vergraben. 

 

 

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