KN-02 - Navigatorische Reiseplanung

 

verfasst 2011 - geändert am 26.03.2011

 

„Wenn einer eine Reise tut ...“, dann macht er sich gewöhnlich Gedanken,wie er so einen Trip durchfüh- ren kann. Die Eckdaten liegen meist schon sehr früh fest, wie zum Beispiel meine Reise im letzten Jahr: Ich möchte 2010 eine Solo-Seekajaktour von der nördlichen Adria nach Griechenland in den drei Sommer-Monaten Juni, Juli und August durchführen, um die noch fehlende paddelbare Küsten-Strecke von Dubrovnik nach Igoumenitsa zu schließen. Somit habe ich in einem einzigen Satz die 6 W-Fragen (wer, wie, was, wann, wo, warum - siehe dazu meinen Beitrag BK-07 - "Normierte Entscheidungshilfe - Die 6 W-Fragen") beantwortet. Wie führe ich aber die navigatorische Planung von so einer Fahrt durch? Dies möchte ich in diesem Beitrag anhand meiner Planung von 2010 einmal in den Grundzügen aufzeigen und erläutern.

 

1 - Basiswissen

 

Natürlich habe ich mich über die landschaftlichen, geologischen, kulturellen, religiösen, mythischen, ge- schichtlichen, politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Begebenheiten in dieser Region, die ich paddelnd besuchen möchte, bereits eingehend befasst. Alles was ich in der Schule in den Lernfächern Erdkunde, Biologie, Geschichte, Religion aus Bequemlichkeit, sprich Faulheit, versäumt gehabt habe, habe ich in mühsamer Kleinarbeit schon vor Jahren bei meinen vorangegangenen Seekajakreisen in diesem Abschnitt des Mittelmeers nachgeholt und es 2010 noch mit dem Abschnitt „Albanien“ ergänzt.

 

In der Regel beginnt das meist in der vorangegangenen Winterzeit mit dem Durchlesen einer Welt- Enzyklopädie über die betreffenden Länder im bequemen Schaukelstuhl, setzt sich dann über die vorhandene Fachliteratur, Reiseführer und Reisebeschreibungen über die tangierenden Länder fort und endet meist mit den speziellen Informationen über Wetter und Nautik und dem intensiven Kartenstudium. Dabei leistet mir in der heutigen Zeit das Internet zu Hause hervorragende Dienste, so dass ich mir den Besuch in einer Bibliothek und Buchhandlung, im Gegensatz zu früher, meist ersparen kann.

 

2 - Reiseplanung grob

 

Nachdem ich mir dieses allgemeine Grundwissen angeeignet habe, beginne ich mit der eigentlichen Rei- seplanung und der Zusammenstellung der Tour. Dazu bestimme ich vorab:

- das mir zumutbare Etmal: 30 km/Tag

- Ruhetage pro Woche: 1 Tag/Woche

- Tage für Besichtigungen und Einkauf: 1 Tag/Woche

- die grob aus der Karte herausgemessene Strecke: rund 1.600 km

- daraus die resultierende Reisedauer: ungefähr 70 Tage oder 10 Wochen oder2,5 Monate

 

Mit diesen Anfangsdaten lege ich nun die Tagesabschnitte und die eigentliche Route fest. Zuerst in der Übersichtskarte eine Grobplanung mit den Küstenabschnitten, Inseln und Überfahrten. Dabei achte ich, soweit bekannt, auf ständige Winde und Strömungen, zu erwartende Problemzonen (Düseneffekte zwischen Inseln, besondere Winde wie Maestral, Jugo und Bora und die daraus entstehenden möglichen Wellen und Abdriften, um Überfahrten von Buchten und zu Inseln besser abschätzen zu können.

 

3 - Reiseplanung fein

 

Die anschließende Feinplanung habe ich früher mit einer genauen Seekarte erledigt. Heute verwende ich Google-Earth mit seinen Lineal- und Pfad-Funktionen.

 

3.1 - Streckenbeschreibung

 

Mit der Pfad-Funktion von Google-Earth ermittle ich die Streckenabschnitte. Meist orientiere ich mich an Ortschaften, Inseln, Kaps usw. und die dazugehörenden Distanzen. Dabei summiere ich die Strecken auf, um den gesamten Umfang der Reise ersehen zu können. Diese trage ich indie Liste „Streckenbeschrei- bung“ ein. Gleichzeitig manche ich einen Bildschirmausdruck des ausgewählten Pfads von Google-Earth. Somit erhalte ich eine Zusammenstellung in Tabellenform und Kartenauszug. Diese dienen mir als Routenbeschreibung für mich und für meine Familie, die bei meiner täglichen Positionsmeldung über Handy in den betreffenden Abschnitt das Datum vermerkt und somit weiß, in welchem Bereich oder an welchem Punkt ich mein Lager aufgebaut habe. Nach Möglichkeit suche ich über Google-Earth und den Panora-mio-Photos schon entsprechende Streckenpunkte mit etwaigen Lagerplätzen aus. Allerdings sind die Angaben von Google-Earth mit Vorsicht zu genießen. Die Satellitenphotos können schon über 10 Jahre alt sein und an manchem vermeintlichen idyllischen Strand oder Bucht klotzt heute ein moderner Beton-bunker als Ferien-domizil für stressgeplagte nordeuropäische Touristen. Aber mit solchen Verschandlun- gen der Natur muss man heutzutage auf der Balkanhalbinsel immer wieder rechnen. (Siehe dazu Anlage: 1.1 - Streckenbe-schreibung in Tabellenform, 1.2 - Streckenbeschreibung als Kartenausdruck von Google-Earth)

 

3.2 - Überfahrten

 

Mit der Lineal-Funktion von Google-Earth bestimme ich die möglichen Überfahrten über Buchten und zu Inseln. Als Daten trage ich den Kompasskurs und die Länge der Überfahrt in die entsprechendeTabelle ein. Zusätzlich ermittelte Alternativen erlauben mir bei der Ausführung der Kajaktour eine größere Flexi-bilität. Ist der Startpunkt nicht genau zu definieren, habe ich sicherheitshalber die Position in Grad und vollen Minuten angegeben. (Siehe dazu Anlage: 2 - Überfahrten: Auswahl)

 

3.3 - Auswahl von  möglichen Lagerplätzen

 

Entsprechend Google-Earth und den Panoramio-Photos vermerke ich einige Buchten und Strände, die für Übernachtungen, Lagerplätzen und Ruhetage geeignet erscheinen. Wie oben bereits erwähnt, kann sich das romantische Plätzchen aber als stark frequentierte Badebucht/-strand entpuppen oder auch vollkommen zugemüllt sein. Es ist deshalb bei diesen Angaben immer eine Portion Misstrauen vonnöten und die Erwartungen dürfen nicht allzu hoch gesteckt werden. (Siehe dazu Anlage: 3 - Buchten / Strände: Aus- wahl)

 

3.4 - Aktuelle Missweisungen

 

Im letzten Abschnitt gebe ich die in dem laufen Jahr gültigen Missweisungen der Kompassrosen in den See- karten an, um am Abend die am nächsten Tag anstehenden Überfahrten zu kontrollieren oder auch bei Ab- weichungen von der Tourenplanung den neuen Kurs festzulegen. Damit muss ich nicht immer die aktuelle Missweisung neu errechnen. (Siehe dazu Anlage: 4 - Missweisung 2010)

 

4 - Kommentar

 

Mit diesen zusammengestellten Unterlagen, dem nautischen Besteck und den topographischen Karten und Seekarten und dem Kompass auf dem Kajak habe ich bisher meine sämtlichen Seekajaktouren bestritten. Mehr war für die Navigation und Ortsbestimmung nicht nötig. Den technischen Aufwand habe ich dadurch enorm minimieren können. Die Zusammenstellung zu Hause dient dabei als Richtwert. Ich bin natürlich von der geplanten Route häufig abgewichen, habe eine Abkürzung oder auch einen Umweg über eine schöne Insel gepaddelt. Dafür hatte ich ja die nautischen Unterlagen (Besteck, Seekarten und Kompass) dabei. Somit war ich von meiner Planung völlig unabhängig.

 

Meine Unterlagen beinhalten noch weitere Informationen über Wetter, Winde, Strömungen, persönliche Daten, allgemeine Angaben über Navigation usw., auf die ich hier aber nicht eingehen möchte, weil sie für mich individuell zusammengestellt worden sind.

 

 

Bild 1: Mit dieser navigatorischen Ausrüstung habe ich alle meine bisherigen Seekajakreisen erfolgreich bestritten. Auf elektronische Hilfsmittel verzichte ich weitgehendst. Den einzigen Luxus, den ich mir zusätzlich leiste, besteht aus einem uralten GPS-Empfänger (Garmin etrex), mit dem ich lediglich meinen Lagerstandort, praktisch als Wegepunkt (Nord- und Ost-Wert), feststelle.

 

  

Bild 2: Der fest auf dem Kajak montierte Kompass ist für mich das wichtigste navigatorische Hilfsmittel bei meinen Seekajaktouren und praktisch ständig im Einsatz. Dabei ist er robust, nahezu unverwüstlich und während der letzten acht Jahre noch kein einziges Mal ausgefallen!

 

5 - Anlagen

 

Beispiele mit verkürzten Auszügen aus meiner Touren-Zusammenstellung für das Reisejahr 2010 (nicht vollständig)

1.1 - Streckenbeschreibung in Tabellenform:

 

Beschreibung------------------------------------------------------ Strecke

(Wegepunkte)--------------------------------------------------------- (km)

- - - -- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Grado Campingplatz ---------------------------------------------------- 0

Grado Stadt, Mole ----------------------------------------------------- 6

Kroatien, Savudrija -------------------------------------------------- 28

Umag, Mole ----------------------------------------------------------- 35

Novigrad-------------------------------------------------------------- 49

Rovinj---------------------------------------------------------------- 76

Insel Brijuni -------------------------------------------------------- 99

Südspitze Istrien --------------------------------------------------- 119

Insel Unije, Nordspitze --------------------------------------------- 149

Insel Ilovik Südost ------------------------------------------------- 193

Insel Premuda Nord -------------------------------------------------- 202

Insel Dugi Otok, Nord ----------------------------------------------- 233

Insel Dugi Otok, Süd ------------------------------------------------ 285

Insel Zut Süd ------------------------------------------------------- 301

Insel Kornat Süd ---------------------------------------------------- 313

 

...

1.2 - Streckenbeschreibung als Kartenausdruck von Google-Earth

   

 

Bild 3: Bildschirmausdruck des ersten Blattes meines Trips von Grado bis zur Insel Hvar auf der Grundlage von Google earth - Die eingezeichnete Route hat nur als Anhaltspunkt gedient. Bei der Durchführung der Seekajaktour bin ich vor Ort in kleinen Abschnitten immer wieder abgewichen, je nach Wetter, Strömungen, Winde und auch nach meiner eigenen Lust und Laune. Aber ich bin immer wieder auf die ursprüngliche Strecke zurückgekehrt und ihr im Großen und Ganzen gefolgt.

 

...

2 - Überfahrten: Auswahl:

 

Beschreibung------------------------------------------------ Kurs – Strecke

von -nach ------------------------------------- ----------- (Grad) - (km)

- - - -- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Grado (Mole) - Savudrija (Leuchtturm) ---------------------- 158,0 - 22,1

Südkap Istrien - Unije, Bucht (44/39-14/14) ---------------- 117,6 - 28,7

Südostkap Istrien - Unije, Bucht (44/39-14/14) ------------- 118,4 - 28,4

Levanic (Nordkap) - Unije (Nordkap) ------------------------ 116,0 - 26,2

Kap So Koromacno - Cres NW-Kap (44/56-14/18) --------------- 100,9 - 12,6

Ilvoic(44/27-14/33) - Premuda (Nordkap) -------------------- 162,3 - 10,0

Flussinsel Ada Südspitze - Kep i Ralit --------------------- 177,7 - 48,2

Strand(41/24-19/24) - Mündung des Seman -------------------- 182,9 - 63,8

Mündungdes Vijose - Nordwestkap, Halbinsel Karaburun ------- 185,2 - 24,8

kleine Bucht (40/07-19/43) - Korfu (Nordostkap) ------------ 151,4 - 40,9

Mole Lefkimmi - Insel SW Sivota, Bucht S (39/24-29/13) ----- 100,9 - 10,3

Korfu (Südkap) - Kap vor Praga ----------------------------- 113,5 - 21,7

 

...

3 - Buchten / Strände: Auswahl

 

B =Bucht, S = Strand, F = Festland, I = Insel

 

Bezeichnung------------------- Bezugspunkt in Karte ---------- Wegepunkt

- - - -- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

KROATIEN --------------------- siehe Ankerplatzatlas

 

MONTENEGRO ------------------- siehe Ankerplatzatlas

 

ALBANIEN:

SF - Plazhi Portez ----------- 10 km N Durres ---------------- 41/24-19/24

SF - Mündung Seman ------------------------------------------- 40/49-19/22

BF - Halbinsel Karaburunit --- milit. Sperrgebiet! ----------- 40/21-19/22

BF - Halbinsel Karaburunit --- Beginn der Halbinsel ---------- 40/19-19/23

BF----------------------------- 5 km S von Halbinsel --------- 40/17-19/24

BF---------------------------- 14 km S von Halbinsel --------- 40/13-19/28

BF----------------------------- 6 km W Himare ---------------- 40/08-19/40

BF - Aquarium (2. Bucht) ------ 2 km SW Himare --------------- 40/07-19/43

BF---------------------------- 10 km SO Himare --------------- 40/03-19/48

 

...

4 - Missweisung 2010

 

(Nadelabweichung von magnetisch zu geographisch Nord) - Angaben von den einzelnen Kompassrosen auf den Seekarten übernommen.

 

- Adriatisches Meer

 

Nord - Jahr 2000 - 1 Grad 30 Minuten Ost (jährliche Zunahme 5 Minuten OST)

Nord - Jahr 2010 - 2 Grad 20 Minuten Ost

 

Süd   - Jahr 2000 - 2 Grad 10 Minuten Ost (jährliche Zunahme 4 Minuten OST)

Süd  - Jahr 2010 - 2 Grad 50 Minuten Ost

 

- Ionisches Meer

 

Nord - Jahr 2000 - 2 Grad 00 Minuten Ost (jährliche Zunahme 4 Minuten OST)

Nord - Jahr 2010 - 2 Grad 40 Minuten Ost

 

SüdO - Jahr 2000 - 2 Grad 10 Minuten Ost (jährliche Zunahme 4 Minuten OST)

SüdO - Jahr 2010 - 2 Grad 50 Minuten Ost

 

SüdW - Jahr 2000 - 1 Grad 40 Minuten Ost (jährliche Zunahme 4 Minuten OST)

SüdW - Jahr 2010 - 2 Grad 20 Minuten Ost

 

...

Mit dieser etwas angestaubten aber bewährten Methode bereite ich mich auf meine Seekajak-Reisen vor und bin bis jetzt immer gut damit gefahren/gepaddelt. Und diese langsame, zeitaufwändige Erarbeitung meiner zukünftigen Seekajak-Tour bringt mich sicher, angenehm und auch kurzweilig durch die stille Jahreszeit, ohne der winterlichen Depression zu verfallen.

 

Neben der Erarbeitung der notwendigen Unterlagen lerne ich eine Menge über die zu besuchende Region und erweitere so auch mein Wissen und meine Allgemeinbildung, ein nicht zu unterschätzender Gesichtspunkt in der heutigen Bildungsmisere mit immer mehr verflachendem Kenntnisstand. Es hat sich bei den Disskussionen in den einschlägigen Foren über die letzten Outdoor-Unfälle genau das gezeigt, was ich immer wieder angeprangert habe: Eine moderne Entwicklung in der Navigation ist entgegen der Meinung der Werbebrache nur dann sinnvoll, wenn man über die elementaren Grundkenntnisse verfügt, um bei Ausfall der Elektronik dann auf dieses Basiswissen zurückgreifen zu können.

 

Hoffentlich habe ich Euch, trotz meiner nostalgischen Handhabung, Tipps und Anregungen geben können, damit Ihr Eure Tourenplanungen leichter und interessanter gestalten könnt. Letztendlich ist das Eintragen und Markieren von Wegepunkten in ein GPS-System auch nicht anderes, als das in ein althergebrachtes Tabellenblatt, allerdings mit dem zusätzlichen, gravierenden Nachteil, dass das moderne Gerät frühzeitig und meist unverhofft seinen Geist aufgeben kann.

 

 

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