KN-09 - Terrestrische Navigation der einfachen Art - Küstentörn

 

 verfasst 2012 - geändert am 02.05.2012

 

Die einfachste Navigation ist ohne irgend ein Hilfsmittel. Das setzt voraus, dass man das Revier in- und auswendig kennt. Bei mir war das der Tegernsee in den 1960er-Jahren. Nach vier Lenzen Internatszeit kannte ich den See und seine Ufer sehr genau. Anfangs befuhren meine Freunde und ich den See mit einem Ruderboot und waren in der Woche mindestens zwei- bis dreimal auf dem Wasser. Später benutzte ich mein eigenes Paddelboot und drehte meine Runden bereits solo auf dem See. Ich brauchte damals weder eine Karte noch einen Kompass. Die Beschaffenheit der Ufer kannte ich mittlerweile auswendig.

 

Bei meinen früheren Flussfahrten stützte ich mich auf die Flussführer des Deutschen und Bayerischen Kanuverbands, die sehr gute Beschreibungen zusammengestellt hatten. Bei meiner persönlichen „Erstbefahrung“ eines Flusses oder Baches vermerkte ich mit Bleistift die Unstimmigkeiten, wenn die Topographie vor Ort mit den Texten nicht übereinstimmte, beziehungsweise der Mensch nachträglich in die Natur eingegriffen hatte. Die Flussführer sind damals natürlich nicht so oft berichtigt worden, wie es in der heutigen Internet-Zeit der Fall ist. Außerdem hatte ich auch nicht so viel Geld zur Verfügung, dass ich mir regelmäßig die neueste Ausgabeleisten konnte.

 

In den Ferien an der Adria kam ich auch noch ohne irgend eine Navigation aus, weil der Strand östlich von Venedig (Teutonengrill) sehr einfach gegliedert war. Einzig den Standort der Pension, in der meine Eltern und ich immer logiert hatten, musste ich mir anhand von Landmarken (Leuchtturm und dann markantes Hotel) merken, so dass ich immer wieder zurückfinden konnte. Allerdings beschränkten sich die Trips auf Halbtages- und Tagesfahrten und auch nur bei ruhigem Wasser.

 

Als ich 35 Jahre später mit meinen langen Seereisen im Kajak ab 2002 begonnen hatte, war ich bereits voll ausgerüstet: mit Kompass, Seekarten, GPS-Gerät und Lenzpumpe. Außerdem hatte ich mich in der Zwischenzeit auch in die Grundlagen der Navigation und Seemannschaft eingearbeitet, so dass es mir bei meinen ersten Fahrten nur um das Erreichen der nötigen Erfahrung gegangen war.

 

Schnell stellte ich bei meiner Eröffnungstour von Grado nach Dubrovnik und wieder zurück fest, dass es im Mittelmeer, ohne große Gezeitenunterschiede und mit zu vernachlässigender Missweisung (so um die 2 Grad, Ost im Jahre 2000), beim Navigieren keine Probleme geben wird.

 

Bleibe ich an der Küste, komme ich währen meiner Tagestour ohne irgend ein navigatorisches Hilfsmittel aus. Zu Beginn meiner Etappe oder bereits am Abend zuvor präge ich mir die Strecke mit ihren Ortschaften und den Besonderheiten im Küstenverlauf ein. Das reicht eigentlich für den ganzen Tag, ohne mich zusätzlich informieren zu müssen.

 

Am Nachmittag, wenn ich einen Lagerplatz gefunden habe, ist es meistens nicht schwierig, den Standort genau in die Seekarte einzutragen. Eine Standlinie habe ich ja bereits: die Küstenlinie. Wo sich das Lager auf dieser Küstenlinie befindet, kann man meist sehr leicht mit der Struktur des Ufers, der Lage von Inseln oder mit markanten topographischen Merkmalen, wie Orte, Häfen, Leuchtürme, Berge, Straßenbrücken, Flussmündungen, Buchten usw. finden.

 

2004, als ich die rund 850 km von der Donaumündung am Ufer des Schwarzen Meeres über Istanbul und dann weiter im Marmara Meer bis nach Gallipoli entlang gepaddelt war, benutzte ich nur ein Kartenblatt aus meinem alten Schulatlas mit dem Maßstab 1:4.000.000. Diese alte Atlasseite reichte im Bereich des Schwarzen Meeres für die Länder Rumänien, Bulgarien und die Türkei zum Navigieren völlig aus.

 

Fazit:

 

Bei sehr einfachen glatten Küstenverläufen (z.B. Italien, Albanien) würde auf Langtouren in der Regel eine Karte völlig genügen. Wenn man diese Idee konsequent weiterverfolgt, könnte man sogar eine Langfahrt mit knapp 3.000 km von Triest um die italienische Halbinsel herum bis nach Genua mit einer einzigen beidseitig bedruckten Karte in der Blattgröße von DIN A 4 durchführen. Italien im Maßstab von1:2.000.000 passt genau auf zwei DIN-A-4-Seiten. Voraussetzung ist dabei, dass der Seekajaker, der solch eine Fahrt mit navigatorischer Minimalausrüstung (man könnte auch „ultraleicht“ dazu sagen) durchführen will, seine Hausaufgaben in den Fächern Navigation und Seemannschaft erfolgreich absolviert hat und bereits über sehr große Erfahrung in diesem Metier verfügt. Wohlgemerkt, man kann bei solch einer geplanten „Tour mit Handicap“ mit einfacher Karte, wenn es sein muss, sogar ohne, auskommen - man muss aber nicht!

 

Ein knappes Drittel dieser Strecke von Grado nach Bari, an der Adria entlang, habe ich bereits in Jahre 2003 auf solch einfache Art befahren. Mitgeführt habe ich zwar Kompass, GPS und genauere Karten. Diese Utensilien (außer dem GPS, das war eigentlich ein Luxusartikel, nur eine angenehme Spielerei - auch heute noch) waren später in der Ägäis beim Inselsprung erforderlich, gebraucht habe ich diese Hilfsmittel während den Tagesetappen in Italien aber nicht. Nur im Lager bestimmte ich den Standort mittels GPS, vermerkte die Position in meinem Tagebuch und verglich sie mit den von mir mit Hilfe der Karte ermittelten Standort. Der stimmte mit minimalen Abweichungen mit den GPS-Angaben überein. Meist lag er sogar innerhalb dem Lagermarkierungspunkt von rund 1 mm Durchmesser in der Karte. (siehe dazu meinen Beitrag KN-05 - „Verwendung von topographischen Karten, Kartenmaßstäbe im Vergleich“) Wie oben bereits erwähnt, prägte ich mir dann für den nächsten Tag die größeren Orte und Besonderheiten im Küstenverlauf (Häfen, Flussmündungen, Klippen, Leichttürme usw.) ein und verstaute Karte und GPS wieder in den Kleidersack.

 

Soviel zur simplen Navigation ohne oder mit einfachen Hilfsmitteln (Karte), gepaart mit Wissen und Erfahrung im Seekajaking. Man könnte auch hier wieder das Motto anführen: „Was ich im Kopf habe, brauche ich nicht mitschleppen.“ Dafür bin ich mit einem Mehr an Verpflegung länger autark und kann dieses einfache Abenteuerleben: „Sonne, Sand und Meer“ richtig genießen. Allerdings ziehe ich anstatt Sand, den Kies vor! (siehe dazu meinen Beitrag KP-02 - „Meine Problem mit feinem Sand“)

 

Natürlich kann man solche Touren auch mit einer technischen Top-Ausrüstung absolvieren. Jeder sollte aber nach seiner eigenen Fasson selig werden! Mit meinen Beiträgen möchte ich nur aufzeigen, dass es auch abseits des „Mainstreams“ viele Möglichkeiten gibt, ein effektives und wirkliches Outdoor-Leben zu führen - weit entfernt von der „zivilisatorischen Natur-Erfahrung“ (Camping) und dem Ausrüstungs-Fetischismus ...

 

 

 

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