BG-13 - Ein Plädoyer für den Erhalt unserer Natur

 

verfasst 2012 - geändert am 04.12.2012

 

Ein neues Event ist wieder einmal über den großen Teich zu uns herübergeschwappt. „Leave No Trace“ heißt es, abgekürzt „LNT“ und bedeutet „Hinterlass' keine Spuren“. Als ich diesen Begriff zum ersten Mal gelesen hatte, fragte ich mich, was das eigentlich soll. Jeder, der in einer Jugendgruppe Mitglied gewesen ist und sich mit der Natur beschäftigt hat, jeder der seinen Wehrdienst abgeleistet hat und eigentlich jeder vernünftige Mensch, der noch seine sechs Sinne aktivieren kann und über ein einigermaßen funktionierendes Gehirn verfügt, weiß doch, dass er in der Natur keine oder eigentlich richtiger ausgedrückt, so wenig wie nur irgendwie möglich, Spuren hinterlassen soll! Wenn ich allerdings sehe, in welchem Land diese für mein Dafürhalten völlig überflüssige Aktion entstanden ist, dann muss ich bedauerlicherweise eingestehen, dass es immer noch Nationen gibt, die sich zwar in Ökonomie so gut auskennen, dass sie ständig versuchen, ihre Geschäftspartner zu manipulieren, um ihr Marktmonopol zu erhalten, aber keinen blassen Schimmer von Ökologie besitzen.

 

Die kontroversen Diskussionen in den hiesigen Outdoor-Foren zeigt aber, dass meine eigentlich selbstverständliche Einstellung zum Erhalt der Natur keineswegs allgemein bekannt ist. Wer die Wanderwege und Gipfel in den Alpen, die Lagerplätze in Skandinavien und die Ufer der Angelgewässer kennt, kann ein Lied davon singen, was „deutsche Naturliebhaber“ alles so hinterlassen. Ich hätte am Anfang meines Naturaufenthalts ab den 1960er Jahren nie geglaubt, dass es auch bei uns in Europa einmal wichtig sei, diese amerikanische Aktion „Leave No Trace“ publik zu machen und diskutieren zu lassen, ja zu müssen.

 

Reiseberichte beschreiben zum Beispiel eine 14-tägige Wandertour in fernen Ländern oder einen Wochenend-Ski-Trip in Skandinavien, die mit dem Flugzeug erreicht werden. Mindestens vier Tage müssen dabei schon für An- und Abreise nach Alaska, Patagonien und Australien/Neuseeland eingeplant werden und der Verbrauch an Kerosin der pro Person je 100 km anfällt, dürfte dabei nicht zu verachten sein. Warum es so viele für so kurze Zeit in die Ferne zieht, sollte man eigentlich einmal untersuchen und dazu eine der beliebten Studien erstellen. Diese darf aber nicht von der Outdoor-Industrie und auch nicht von Fluggesellschaften gesponsert werden, weil sie sonst Gefahr läuft, ein bereits vorgegebenes, gewünschtes Ergebnis der Geldgeber nur zu bestätigen. Die Schönheit der Landschaft kann es nicht sein und die sportliche Leistung auch nicht, nicht einmal die Einsamkeit können Gründe dafür sein, die solche Fernreisen nötig machen. Das alles findet man auch in Europa - wenn man einer intensiven Planung fähig ist, sogar in Deutschland. Warum also in die Ferne schweifen, wenn das gleich Gute doch so nah! Meines Erachtens kann es nur die Exklusivität sein, die sich jene Wanderer rühmen wollen, etwas Besonderes erlebt zu haben und zu demonstrieren, es sich auch leisten zu können. Dabei handelt es sich oft um solche Mitbürger, die sowieso auf jeder Boom-Welle mitsurfen und bei jedem Event zu sehen sind. 

 

Gerade wir Outdoor-Freaks sollten daran sehr interessiert sein, dass Europa zu einer Einheit verschmilzt, um unseren Drang in die Natur auch in den noch nicht so erschlossenen Gegenden direkt vor unserer Haustür nachgehen zu können. Ein Trip in die entlegenen, fast menschenleeren Regionen des Balkans, Osteuropas und Skandinaviens würde die Reisekasse wegen der kurzen Anreisewege mit Bahn, Bus und Auto enorm entlasten und wir könnten einen immensen Beitrag zu Schonung unserer stark malträtierten Erde leisten, indem wir auf extrem natur- und umweltschädliche, Flugbenzin vergeudende Flugreisen verzichten. Bei schwierigen Landeanflügen lassen die Piloten sogar den nicht verbrauchten Treibstoff einfach ab. Das hatte ich mindestens zwei- bis dreimal im Monat über besiedeltem Gebiet in München (Waldtrudering) erlebt, als es noch den Flughafen München-Riem gegeben hatte. Da waren regelmäßig die Kerosinspuren zu sehen, die auf mein Auto als Benzin-Regen gefallen waren. Dieser Umstand des sinnlosen Vergeudens von Treibstoff und permanente Umweltschädigung hat mich zu einem Gegner der Urlaubsfliegerei werden lassen.

 

In meinen Augen wäre eine Entsagung von Flugreisen, insbesondere in den Urlaub und nur zum Vergnügen (Schnell nach London zum Einkaufen jetten oder der Wochenendtrip zum "Trekkingausflug" in die Nordkalotte Skandinaviens, natürlich mit einem verbilligten Ticket!), ein wesentlich größerer Beitrag zur Umwelt- und Ressourcen-Schonung, als wir persönlich mitLeave No Trace“ je erreichen können. Das schließt aber trotzdem aus, „LNT“ grundsätzlich abzulehnen. Der bei Staat und Kirche beliebte und allzeit praktizierte Fingerzeig auf andere, lenkt nur auf äußerst primitive Weise von dem eigenen Unvermögen ab, sich mit dem Problem explizit auseinanderzusetzen. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, auf seinen Touren keine oder zumindest so wenig wie möglich Spuren zu hinterlassen. Es wurde uns in den 1960er und -70er Jahren (Jugendgruppen, Wehrdienst) nichts anderes gelehrt, wenn wir einen Ausflug in die Natur unternommen haben! Darum wundert es mich, dass man heute im äußerst dicht bevölkerten Europa um diese Binsenwahrheit solch kontroverse Diskussionen führen kann!

 

Wieso ist dieses Naturverständnis bei vielen unserer jüngeren „Outdoorlern“ nicht mehr existent? Scheinbar kommt dieses Nichtwissen, diese Unfähigkeit, sich mit der Natur auseinaderzusetzen, daher, dass heute diese Jugendgruppen am gesellschaftlichen Rand dahintümpeln und der Wehrdienst gänzlich abgeschafft worden ist. Dort hätte man das Outdoorleben einschließlich Survival und Bushcraft noch exklusiv und vor allem kostenlos erlernen können. Heute ist das alles kommerzialisiert und an der steigenden Zahl von Outdoor-Schulen kann man erkennen, dass auch in diesem Bereich der Bürger abgezockt wird, insbesondere dann, wenn man die Einsteigerdroge Fernsehen und Internetforen betrachtet. Wenn man ein wenig kritisch diese Beiträge durchforstet, ein wenig Logik aufwendet, wird man erkennen, dass dort vieles im Argen liegt, und einiges völlig unpraktikabel ist, was dort aber als Grundwissen verkauft wird. Da geht es schon lange nicht mehr um Qualität, sondern nur mehr um Quantität, Umwelt- und Naturschutz kommt bei diesen Outdoor-Lehrgängen nur mehr als Alibifunktion vor!

 

Dasselbe gilt für die Sicherheitsstandards, die dort angeblich geschult werden. Die explosionsartig steigende Zahl von Unfällen im Outdoorbereich zeigen genau diesen Mangel. Wer 700 Meter vor einer Schutzhütte erfriert, weil angeblich sein GPS-Gerät just zu diesem Zeitpunkt versagt hat, hat wahrscheinlich keine Unterweisung in echten Überlebenstechniken erhalten. Die Nachfrage in diesem Zusammenhang, wie man eine Schneehöhle gräbt, zeigt eindeutig, welches Defizit unsere junge Generation auf diesem Gebiet hat. Früher hätte man in Ost- und Westdeutschland einfach gesagt:
„Grab Dir in einer Schneewächte ein Russenloch gegen den Schneesturm!“ Dann wäre alles gesagt gewesen und jeder hätte Bescheid gewusst. 

  

Wenn der Mensch unfähig ist, von sich aus die Natur zu schonen, wird er eben durch die Obrigkeit von dieser Natur ausgesperrt oder in ihrer Nutzung eingeschränkt. Die Ausweitung der europäischen Nationalparks und Naturschutzgebiete, regionale Betretungsverbote, Benutzungsregeln in Wald und Flur und die Einschränkung des Jedermannsrecht in Skandinavien sind die ersten Konsequenzen, um der Unbelehrbarkeit von gedankenlosen, unvernünftigen, eigennützigen, scheinbar nur dem Zeitgeist huldigenden Leuten entgegenzuwirken. Und diese Maßnahmen werden bestimmt nicht die einzigen bleiben, wenn der Outdoor-, Survival-, Bushcraft-Boom mit seinen fatalen naturbelastenden Folgen weiter anhält!

 

Dazu fällt mir der Spruch der Cree-Indianer ein, der abgewandelt und angepasst zum Slogan der Öko-Bewegung aus den 1980er-Jahren geworden ist und genau auf die Aktion Leave No Trace“ und auf die ausufernde, eigentlich lebensraum- und menschenverachtende Outdoor-Industrie passt:

 

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

 

Ich persönlich würde mich freuen, wenn auch bei denjenigen ein Umdenken einsetzen würde, die mit „LNT“ nichts anfangen können oder wollen. Die noch nicht verschandelte Natur in Europa, insbesondere auf dem Balkan, könnte dadurch nur profitieren.

 

Aber man muss bei sich selbst anfangen! Das könnte sogar gelingen, wenn man seine kleinen grauen Zellen wieder reaktiviert und auch einmal in die Zukunft, auf seine Kinder und Enkel schaut und überlegt, was die nächsten Generationen der Menschheit auf unserer Erde nach unserer „Ära der Naturzerstörung und -ausbeutung“ vorfinden werden. Ich bin sicherlich kein Heiliger, aber ich versuche wenigstens, „LNT“ weitgehendst umzusetzen und das bereits seit meiner Kindheit, also seit über 55 Jahren. Darum beteilige ich mich auch nicht an den meist konsenslosen Debatten um Leave No Trace“. Mich braucht man nicht mehr überzeugen, ich habe meinen Verstand noch nie ausgeschaltet! Dabei stehe ich auf dem Standpunkt, dass ich kaum jemanden die Gelegenheit geben werde, mit dem Finger auf mich zu zeigen. Und wenn das einer doch tut, sollte er dabei bedenken, dass dann drei Finger auf ihn selbst deuten!

 

Auch wenn die Mehrheit der Outdoor-Freaks „LNT“ grundsätzlich ablehnen würde, ginge ich trotzdem meinen eigenen Weg und ließe keine Spuren zurück. Ich folge eben nicht generell jedem Mainstream! 

 

PS: Weil ich mit den Qualitätsaussagen in den Ausrüstungskatalogen äußerst negative Erfahrungen gemacht habe, schaue ich seit der Jahrtausendwende nur noch hinein, wenn ich etwas als Ersatz für meine Ausrüstung anschaffen möchte und ich ihn nicht selber herstellen kann. So wird für mich ein von den Marketing-Abteilungen der Outdoor-Industrie und ihrem kurzsichtigen Fanclub in der Outdoor-Szene suggeriertes „Must-Have“ meist zu einem konsequenten „No-Go“!

 

 

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