BG-17 - Grundkenntnisse des Soloreisens - Einführung

 

verfasst 2013 - geändert am 15.01.2013

 

Welches Wissen und welche Fertigkeiten sollte ein Soloreisender auf einer längeren Tour beherrschen? Fragen, die sich eigentlich ein jeder selber stellen müsste!

 

Es ist aber in der Internet-Zeit nicht mehr so ohne weiteres üblich, sich sein Wissen in eigener Regie zu erarbeiten und einige manuelle Tätigkeiten zu erlernen. Heute überlässt man es dafür anderen, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Nicht nur im handwerklichen Bereich, so wie früher, als die Aufgabenteilung und die Zünfte entstanden sind und das Facharbeiter- und Spezialistentum seinen Aufschwung genommen hat. Nein, heute lässt man auch denken! Fragen in den Foren wie zum Beispiel überspitzt ausgedrückt: „Bin Anfänger, möchte 4 Wochen solo eine Tour durch Alaska, Nepal, Anden usw. machen. Wo sind die besten Events und welche Ausrüstung brauche ich dazu?“ Dieses und Ähnliches kann man in fast allen Reise-Foren finden. Bei einem einigermaßen outdoor-erfahrenen Leser zeichnet sich dabei ein Lächeln, mehr ein Grinsen, auf seinem Gesicht ab und in sich hineinschmunzelnd wird er womöglich denken: „Na ja,vielleicht wäre diesen naiven Fragestellern mit ein wenig Überlegung/Verstand am Anfang besser geholfen, damit sie begreifen,welche Unwissenheit sie mit solchen Fragen preisgeben und welche geistigen Defizite in ihrem viel zu groß angelegten Vorhaben noch stecken.“ Manchmal kommt dabei sogar der Gedanke auf, es handelt sich bei dem Fragesteller um einen „Troll“.

 

Wenn man diese Beträge dieser unbedarften Outdoor-Einsteiger analysiert, die in einem Forum auftauchen, frage ich mich oft, was einem heute eigentlich in der Schule an Elementarwissen beigebracht wird und was der einzelne für das Leben danach an praktischen Erfahrungen mitgenommen hat. Worin liegt der blauäugige Antrieb, ein Reise durchführen zu wollen, wenn man nicht einmal ein konkretes Ziel vor Augen hat und was man mit seinem Trip eigentlich bezwecken will, geschweige von den Erfahrungen und Kenntnissen seiner körperlichen Voraussetzungen, so ein Unternehmen überhaupt bewältigen zu können.

 

Vielen scheint überhaupt nicht bewusst zu sein, dass eine Reise, ein Outdoor-Trip, eine Seekajak-Tour, eine Wanderung, ein Klettergang aus drei Teilen besteht:

 

Vorbereitung - Durchführung - Nachbearbeitung.

 

Jeder einzelne Abschnitt hat seine eigenen, besonderen Reize und kann für sich selbst zu einem Erlebnis werden. Ich habe schon viele Planungen (Vorbereitungen) durchgeführt, abgeschlossen und sie dann zurückgestellt, um eventuell zu einem späteren Zeitpunkt sie wieder aus der Schublade hervorzuholen. In der Nachbearbeitung werte ich das Erlebte aus, ob auf meinen nächsten Reisen noch Verbesserungen sinnvoll sind und notwendig werden. Weil ich mit meinen Reisen nicht meinen Lebensunterhalt mit Videos, Büchern und Vorträgen bestreiten muss und auch nicht im Rampenlicht stehen will, verfasse ich meine Reiseberichte aber erst dann, wenn ich meine Seekajak-Touren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr durchführen kann. Wenn es auch körperlich nicht mehr gehen sollte, der Geist darf aber dabei keinesfalls einrosten! Und eine schöne Erinnerung an das Erlebte ist es allemal. Das hat ein jeder selber in der Hand, wo und wie er seine Prioritäten setzt. Trotzdem gehören diese drei Teile zu einem Ensemble wie ein Triptychon oder eine Oper in drei Akten, die erst nach der erfolgten Abarbeitung zu einem Ganzen zusammengefügt werden.

 

Jeder Soloreisende sollte sich schon selber die Frage beantworten können,welche Kenntnisse und Fertigkeiten er benötigt, wenn er alleine unterwegs ist - also ohne die Hilfe einer Gruppe, in der sich die Aufgaben verteilen, sofern das Team, wie bei den früheren Expeditionen, sinnvoll zusammengestellt worden und jeder Einzelne ein Experte auf seinem Gebiet gewesen ist.

 

Nun, was spucken die kleinen grauen Zellen aus? Richtig, jeder Soloreisende muss eigentlich alles können, um eine Reise erfolgreich bestreiten und überstehen zu wollen. Er muss jedoch kein Genie bei jeder einzelnen Fertigkeit sein, aber die Grundlagen des Outdoor-Lebens sollte er schon beherrschen, auch ohne große technischen Hilfsmittel.

 

Sofort eröffnet sich eine weitere Frage, die man eigentlich ebenfalls selber beantworten kann, zumindest in den Grundgedanken: Welches Equipment benötige ich auf dieser Soloreise? - Reise ich mit einem Motorhome oder Jacht ist die Ausrüstung kein Problem: Je nach Lust und Geldbeutel kann ich einen kompletten Hausstand transportieren, einschließlich Fernseher, Radio, PC mit Internetanschluss, gut sortierte Bibliothek, Dusche, Kücheneinrichtung, Heizung usw. bis hin zur Nähmaschine und Werkbank, sofern man damit umgehen kann. Allerdings hat das mit „Wilderness“ kaum mehr was zu tun.

 

Je kleiner das Transportgerät aber wird, desto weniger kann ich mitnehmen. In diesen Fällen muss ich mir schon genauer überlegen,welche Ausrüstung sinnvoll ist und ob ich sie nicht durch Wissen ersetzen kann. Bei meinem Wohnmobil aka „Schlaglochspion“ habe ich natürlich alles minimieren und vereinfachen müssen. Trotzdem habe ich das Nötigste an Bord und kommen noch dazu mit einem relativ geringen Budget aus.

 

Am problematischstens ist das Equipment dann bei den kleinsten Einheiten des Transportmediums. Das sind: Fahrrad, Kajak, und insbesondere per Pedes mit dem Rucksack. Und genau hier sind wir bei uns Outdoor-Freaks angelangt. Das Sahnehäupchen könnten dann die langen Solo-Touren weitab der Zivilisation sein, bei denen man weitgehendst auf sich allein gestellt ist. Das Nonplusultra gipfelt im Survivalfall, wenn man alles verloren hat, auch das berühmte Survivalmesser. Hier ist ausschließlich das Know-how, Erfahrung und die selbst erarbeiteten handwerklichen Fähigkeiten von Bedeutung, nichts anderes.

 

In meinen Beiträgen findet man bereits des öfteren meinen Slogan: „Was ich im Kopf habe, muss ich nicht schleppen!“ Dieses Schlagwort kann auch abgewandelt lauten: „Je mehr ich an Hilfsmitteln mitnehmen kann, desto weniger muss ich wissen!“ Und genau hier liegt die Krux begraben: Was passiert und wie kann man sich helfen, wenn eines dieser unbedingt erforderlichen Hilfsmittel (z.B. GPS, Geländewagen, Zelt, Schlafsack, Smartphone/Tablet-PC als Zweithirn usw.) ausfällt und man es nicht mehr selber reparieren kann, es verloren geht oder unfreiwillig seinen Besitzer wechselt?

 

Zu diesem Thema meine ersten Empfehlungen zur Ausrüstung aus meiner „Erfahrungskiste“ für Soloreisende auf Long-Distance-Tour und weitgehendst autarkem Leben:

 

01 - Teure, luxuriöse Ausrüstung vermeiden

 

Wenn „Ourdoor-Touristen“ mit einer teuren, hochmodernen Ausrüstung (Photo, Videokamera, Notebook, Armbanduhr, GPS-Gerät, Sport Utility Vehicle usw.) durch Länder der dritten Welt ziehen und so bei der einheimischen ärmeren Bevölkerung Begehrlichkeiten wecken, sind diese Gernegroß natürlich potentiell gefährdet, bestohlen oder sogar ausgeraubt zu werden. Ein kluger Reisender stellt sein Licht unter den Scheffel und führt das teure Equipment zumindest verdeckt mit sich. Ein erfahrener Ourdoor-Freak lässt solche luxuriösen Gerätschaften eigentlich generell zu Hause oder begnügt sich mit einfacheren Ausführungen. Letztendlich spart das auch Volumen und Gewicht und mindert die ständige Angst, eine Eisenstange oder einen Stock über den Schädel gezogen zu bekommen. Das ist auch der Grund, warum ich auf meinen Seekajaktouren keinen zusätzlichen Transportsack auf das Deck schnalle, weil der das Mitführen einer großen, vielseitigen Ausrüstung suggeriert. So einen Verlust habe ich einmal auf einer Moped-Reise, paradoxerweise im angeblich so sicheren Deutschland und nicht im vermeintlichen, vorurteilbehangenen „diebstahlgefährdeten“ Süd- und Südost-Europa, erlebt und aus dieser negativen Erfahrung meine Konsequenzen zur Minimalisierung und zur nicht luxuriösen Einfachheit gezogen.

 

02 - Simple, leicht reparierbare Ausrüstung verwenden

 

Bei der Ausrüstung auf unkomplizierte Technik, Material und Verarbeitung achten, damit sie leicht selbst repariert werden kann oder von einem örtlichen Handwerker oder Werkstatt. Das gilt insbesondere dann, wenn man nicht in der Lage ist, das Equipment selber instand zusetzen. Beispiele: Tekkingschuhe im herkömmlichen Aufbau mit Brand-, Zwischen- und Laufsohle kann jeder Dorfschuster reparieren, Kocher ohne technischen Schnickschnack (je mehr Ventile, Dichtungen, bewegliche Teile, desto mehr geht kaputt), Landkarten und Kompass fallen weniger aus als ein GPS-Gerät, eine wasserdichte, mehrlagige Hose mit Membran und Innenfutter wird man schwieriger flicken können als normale Hosen die bei Bedarf in mehreren Schichten getragen werden, einen Geländewagen aus der berühmten russischen Fabrikation kann nahezu jede kleine Auto-Werkstatt im hintersten Winkel der Welt reparieren,einen Nobel-SUV mit beispielsweise der Bezeichnung: M/GLK, X, Q, Cayenne aus deutscher Hightech-Produktion aber ...

 

03 - Wer gut improvisieren kann, hat weniger Probleme

 

Nach Wikipedia bedeutet Improvisation, etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif dar- oder herzustellen. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Improvisation auch den spontanen praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung auftretender Probleme. - Diese Definition sagt eigentlich alles aus. Allerdings, ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Ein wenig Wissen und einige handwerkliche Fähigkeiten sind schon Voraussetzung, um kreativ tätig sein zu können. Beispiel: Ist mir mein wichtigstes Werkzeug, mein Messer abhanden gekommen, muss ich Ersatz beschaffen. Ich habe einmal draußen aus dem Deckel einer Konservendose mit Ring-Pull-System ein simples Ersatzmesser gefertigt, in Form eines Ulu der Inuit, habe die Schneidfläche mit einem Flusskiesel gedengelt (Kalt geschmiedet und dadurch das Material verdichtet.) und anschließend abgezogen.Nach rund zwei Stunden war die Schneide „rasiermesserscharf“, mit einem einfachen Holzgriff (gespalteter Haselnusszweig) verstärkt und ich konnte dieses Messer bei vorsichtigem Umgang für alle Schneidarbeiten in der Küche einsetzen. Improvisieren kann oder muss man auch, wenn die vorgeplante Route nicht zurückgelegt werden kann,weil zum Beispiel eine Brücke über eine Schlucht, Fluss weggerissen ist. Dann muss man versuchen eine neue Strecke auszukunden, das Hindernis zu umgehen oder es zu überwinden. Ohne das nötige Hintergrundwissen funktioniert eine Inprovisation in diesen Fällen aber nicht.

 

04 - Meine persönliche Einstellung zum Seekajaking im Mittelmeer

 

Wie bereits schon in früheren Beiträgen ausgeführt, bevorzuge ich die südlichen Gefilde Europas für meine Langtouren beim Seekajaking. In diesen warmen Regionen hält sich die Ausrüstung in Grenzen und ich muss nicht so viel mitschleppen. Im Sommer komme ich mit Badehose, T-Shirt, Kappe und Badeschlappen ganz gut zurecht. Ein Paddelanorak und eine Schwimmweste ergänzt das Ensemble, wenn es einmal stark regnet oder wenn Sturm aufkommt. Mit einer leichten langen Hose,langärmeligem Hemd und Sandalen hält man dort unten auch für Stadt-, Museen- und Kirchenbesichtigungen die gewünschten Kleidervorschriften ein. Das minimiert nicht nur Volumen und Gewicht, sondern auch die Reparaturen sind einfacher durchzuführen, zumindest an der textilen Ausrüstung. Außerdem ist das Mittelmeer von München aus nur etwa halb so weit entfernt als Nord- und Ostsee.

 

05 - Auswahl des passenden Seekajaks für Langfahrten

 

Bevor man sich ein teures Seekajak kauft, muss man explizit festlegen, für welchen Zweck man sein Gefährt einsetzen möchte. Meine Intention für die Verwendung eines Paddelboots auf Weitstrecken ist eindeutig auf das Transportmittel ausgelegt gewesen, weder auf Sport um Rekorde zu brechen noch auf Ästetik zum Flanieren an der Seepromenade. Das heißt, ich habe auf Robustheit, großes Packvolumen und Meertauglichkeit geachtet, nicht auf Schnelligkeit, minimales Gewicht und Schönheit. Darum ist mein Fortbewegungsmittel für lange Seekajak-Touren auch das nahezu unverwüstliche Containerschiff, der Kodiak, geworden und nicht einer dieser wunderschönen, leichten, eleganten, schnellen, englischen Edelkajaks aus Karbon, den man aber nur mit Samthandschuhen benutzen darf und nur mit einem Decksack auf Langstrecken fahren kann, weil das Packvolumen wegen der ranken Bootsform ziemlich eingeschränkt ist.

 

Natürlich plaudere ich in diesem und den nächsten Aufsätzen von meinen eigenen Erfahrungen und die entsprechen in der Regel nicht dem vorgegebenen Trend. Jeder Leser kann mit meinen Anregungen machen was er will. Sie verfolgen oder aber verwerfen. In der heutigen Zeit sehen die jungen Verfechter des Mainstreams meine alte Philosophie der Nachkriegsgeneration: „Mit Pragmatismus und Bescheidenheit ein angenehmes Leben führen.“ natürlich aus einem ganz anderen Blickwinkel. Aber ich bin mit diesem Leitgedanken 65 Jahre recht gut über die Runden gekommen und hatte weder soziale, finanzielle, organisatorische, berufliche, gesundheitliche noch gesellschaftliche Probleme - und meine „Freiheit“ habe ich in den letzten rund 15 Jahren in vollen Zügen genossen, ohne am Hungertuch zu nagen oder jemandem auf der Tasche zu liegen.

 

Die nächsten Beiträge werde ich in folgende Abschnitte gliedern:

 

1 - Allgemeinwissen

2 - Outdoorwissen

3 - Fertigkeiten

 

Dabei möchte ich aus meiner Sicht aufzeigen, was für uns Soloreisenden, die mit Muskelkraft betriebenen Fortbewegungsmitteln unterwegs sind, als wichtig und sinnvoll anzusehen ist und wo man entsprechende Informationen findet.

 

 

 

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