KP-21 - Dalmatinische Inseln 2013 - Von Winden, Wellen, Strömungen

 

verfasst 2013 - geändert am 05.08.2013

 

Im Gegensatz zu meinen früheren Solofahrten entlang der Dalmatinischen Inseln, waren meine Partnerin Suomalee und ich heuer vermehrt in starke Winde, hohe Wellen und unerwartete Strömungen geraten.

 

Nur bei meiner allerersten Seekajaktour im Jahre 2002, von Grado nach Dubrovnik und wieder zurück, hatte ich ähnliche Verhältnisse angetroffen, mit Maestral, Bora, Jugo und Gewitter unter Land.

 

Maestral, Düseneffekt und die unterschiedlichen Eigenschaften unserer Kajaks

 

Den Maestral, der nahezu regelmäßige sommerliche Seewind aus Nordwest, der meist um die Mittagszeit einsetzte und dann bis zum Nachmittag auffrischte, hatten wir schon seit dem Start genossen. Nach dem Kap Ploca gesellte sich noch die Bora hinzu und ab Hvar mussten wir nicht nur diesen beiden Winden trotzen, sondern auch deren starke Dünung, sie sich in den Tagen zuvor aufgebaut hatte und die, an den Inseln Hvar und Vis abgelenkt, uns jetzt auf der Hinfahrt direkt entgegenlief.

 

An der Insel Mali Drvenik entlang, Richtung Osten und dann zwischen der Insel Veli Drvenik und den Eilanden Orud und Stipanska herrschte durch den Düseneffekt starker Wind aus nordwestlichen und westlichen Richtungen und wir spürten auch die kräftige Strömung, die uns zwischen den Inseln hindurchtrieb.

 

Suomalees Eskimo-Kajak reagierte auf jede kleinste Welle und sie hatte zumindest in der Anfangsphase einige Probleme, ihr neues, noch nicht eingefahrenes Boot auf Kurs zu halten. Aber mit zunehmender Zeit und Eingewöhnung gelang ihr das immer besser und sie hatte bald herausgefunden, wie man ihren Kajak handhaben musste, damit er durch Beschleunigung am Wellenberg auch dorthin lief, wohin sie ihn haben wollte. Dadurch erreichte Lee kurzzeitig Geschwindigkeiten, mit denen ich nicht mehr mithalten konnte.

 

 

Bild 1: Wie ein feuriges Rennpferd wirkt der neue elegante Eskimo-Kajak von Suomalee: ein Lettmann „Biskaya“ und lässt sich auch so fortbewegen. Da muss man ihm schon manchmal die Zügel anlegen! 

 

Mein Seekajak, das gemächliche Containerschiff, lag aber im Gegensatz zu dem Eskimo-Kajak nahezu unbeirrt auf Kurs und meine Erkenntnis hatte sich wieder einmal bestätigt, dass für Langfahrten dem „Geradeauslauf“ eines Bootes Priorität eingeräumt werden musste. Bewährte sich der schnittige „Eski“ beim Ein- und Ausbooten besser in der Brandung und war dort leicht zu bedienen, fuhr sich mein Kajak während der Tagesetappe insgesamt wesentlich bequemer, hielt permanent die Richtung und ließ sich deshalb über das Etmal gesehen unheimlich schnell und mit wenig Kraftaufwand fortbewegen. Nur beim Surfen am ankommenden Wellenhang von hinten hatte ich gegenüber dem Eski das Nachsehen.

 

 

Bild 2: Wie ein gutmütiger Brummbär paddelt sich mein 11 Jahre alter Transport-Kajak für Langfahrten: ein Prijon „Kodiak“. Nur wenn man Meister Petz frei laufen lässt, dann zeigt er, was so alles in ihm steckt! 

 

Ein kleines Beispiel für das Kurshalten:

Auf der Rückfahrt von Mali Drvenik zum Kap Ploca paddelten Lee und ich in einem gewissen Abstand nebeneinander, sie küsten- und ich seewärts. Wir achteten beide auf den selben Kurs (Landmarke: Leuchtturm Ploca). Obwohl jeder seine Sichtpeilung akribisch einhielt, kamen wir uns aber immer wieder in die Quere. Wir meinten zunächst, jeweils der andere würde vom Kurs abweichen, beziehungsweise abgetrieben werden. Erst als ich den Platz mit Lee wechselte und küstenwärts paddelte, bemerkten wir, dass Lee immer weiter auf das Meer hinaustrieb und praktisch eine Hundekurve fuhr, während ich mit meinem Boot überhaupt keine Probleme hatte, den direkten Kurs, sowohl nach Kompass als auch nach Sicht, zu halten. Das hieß, ich konnte über die gesamte Strecke von knapp 9 km keinen Versatz am Kompass (Die 305 Grad blieben am Anfang bis zum Ende immer dieselben.) und Peilung (Der Leuchtturm Ploca stand immer über dem Kajakbug.) feststellen. Hier zeigte sich, was der Geradeauslauf eines Seekajaks ohne Kielsprung für Langtouren wert ist. Wenn man nicht aufpasst und nicht rechtzeitig entgegensteuert, kann es zu fatalen Folgen führen, die ich in meinen Beiträgen über die terrestrische Navigation (siehe "hier") sehr ausführlich beschrieben habe.

 

Wegen der Dünung aus Westen hatten wir uns entschlossen, uns nicht mit der starken Strömung an der zum Meer hin offenen Südküste der Insel Solta auseinanderzusetzten, sondern an der durch die Inseln im Nordwesten und der Festlandnähe relativ gut geschützten Nordküste Soltas in Richtung der Insel Brac entlangzupaddeln, in der Hoffnung, dass dort die durch den langen Fetch der offenen See entstandene starke Dünung etwas gemildert sein würde. Wir hatten damit absolut recht behalten!

 

Wenn die Bora in der Nacht wehte

 

Allerdings kam uns dann an den Lagerplätzen auf der Insel Mali Drvenik und an der Nordküste Soltas in der Nacht die Bora ins Gehege - nicht durch die Brandung, dazu war die Strecke vom Festland mit rund 10 km für einen höheren Wellenaufbau zu gering, aber durch den starken Nordostwind, der am Tarp mächtig zerrte und rüttelte.

 

 

Bild 3: Unser Tarp auf der Insel Mali Drvenik zwischen unseren Kajaks, wir nannten diese Anordnung  

Katamaran-Zelt“, flatterte hier durch die Bora, die vom Meer her wehte, schon ziemlich stark. Wir hatten uns aber ein Schlafzimmer mit Seeblick eingebildet ... und mussten am nächsten Tag feststellen, dass die Zugluft, die durch das Tarp fegte, uns am anderen Morgen einen rauen Hals beschert hatte. Dafür war dieser Lagerplatz aber absolut mückenfrei gewesen!

 

 

Bild 4: Der selbe Zeltaufbau auch am nächsten Abend auf der Insel Solta. Allerdings hatte ich hier schon sicherheitshalber den Zeltstab auf der Uferseite um ein Element verkürzt. Trotzdem pfiff die Bora durch unser luftiges Zelt und blähte es auf. Weil sich das Gewitter auf das Festland beschränkte, die Wolken lösten sich in gewohnter Weise meist über dem Meer wieder auf, baute ich in der Nacht das Tarp ab. Komischerweise verspürten wir dann auch viel weniger Zug und wir blieben am nächsten Morgen von einem Halsweh, aber auch noch von den Schnaken verschont.

 

 

Bild 5: Wir hatten daraus die Lehre gezogen und die nächsten Male das Tarp mit meinem Kajak und der Plane darüber von der Seeseite her dicht gemacht (siehe dazu auch die anderen Lagerplatzbilder). Wir mussten zwar hierbei auf den Meerblick verzichten, dafür war diese Anordnung aber weitgehendst zug- und moskitofrei und relativ sturmsicher. Auf Solotouren hatte ich das Tarp grundsätzlich so aufgebaut; der Seeblick war für mich nicht ganz so wichtig. Notfalls hatte ich die Zeltstäbe in der Nacht bei zu starkem Wind eingekürzt, sodass ich nur mehr in meine „Schlafhöhle“ kriechen konnte und hatte somit schon sehr schwere Stürme erfolgreich und heftige Gewitter völlig trocken abgewettert.

 

Hohe gegeneinanderlaufende Wellen, die sich verstärken und verringern - Kreuzsee

 

Insbesondere an der Nordküste von Vis standen uns die hohen Wellen der Dünung entgegen, die dort, von Westen kommend, am Ufer der Steilküste entlangwanderten, sich an den Kaps brachen und sich dann mit den Dünungswellen aus Nordwesten zu einer Kreuzsee vereinigten. Es war kaum möglich gewesen, festzustellen, aus welcher Richtung und mit welcher Intensität der nächste Wasserschwall uns treffen wird. Wir kamen nur sehr langsam vorwärts und Suomalee hatte dabei die beste Gelegenheit, ihren neuen Kajak sehr genau kennenzulernen, um ihn auch entgegen diese Wellen fahren zu können. An manchen flachen Stellen begannen die Wellen bereits zu brechen und wir hatten es dann mit sechs Beaufort zu tun.

 

Das Beste dabei war, den Kajak nicht mit Gewalt gegen den Wellendruck in Fahrtrichtung zu halten, sondern ihn mit der Welle gleiten zu lassen. Erst wenn die Welle vorbei war, konnten wir unsere Boote wieder sehr leicht auf Kurs bringen und so mit minimalem Aufwand vorankommen, wenn auch durch die Schlingerbewegungen nur im Schneckentempo. Wir waren aber dann doch erleichtert, als wir zwischen dem Nordwestkap der Insel Vis und dem vorgelagerten kleinen Eiland Veli Barjak hindurchgepaddelt waren und sich das Meer allmählich beruhigte, weil die zusätzliche starke westliche Küstenströmung nicht mehr vorhanden war. Gleich in der nächsten Bucht, einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet, booteten wir dann aus, noch bevor der Maestral eingesetzt hatte.

 

Auf der Südseite der Insel Vis, am Kap Stupisce vorbei, war es wesentlich ruhiger, aber immer noch herrschte eine lange Dünung vor, dieses Mal nur von hinten, weil die Insel die Wellen des Maestral abgehalten hatte. Wir konnten jetzt die Steilküste genießen und waren sogar in einige der engen Buchten hineingefahren.

 

Noch einmal hatten wir mit einem mächtigen Wellengang zu kämpfen, als wir von der kleinen reizenden Hafenstadt Milna an der Westküste der Insel Brac kommend, zur Insel Solta hinüber fuhren und uns an den Kaps Livka und Motika die volle Wucht der Dünung und des Maestrals (Es war bereits Nachmittag!) mit seinen aufgesetzten Wellen trafen, bis wir die Bucht Travna erreichen konnten, in der wir auf der Hinfahrt schon übernachtet hatten. Auch hier genossen wir gute 6 Beaufort. Langsam mogelten wir uns in unmittelbarer Nähe der Felsen entlang, im Kabbelwasser, das uns noch relativ ruhig erschien, im Gegensatz zu weiter draußen, dort wo sich die Wellen überlagern konnten (Kreuzsee) und gelegentlich zu wahren Brechern ausarteten. Zum Glück war die Strecke, an den Kaps vorbei, nur 3 km lang gewesen! Trotzdem waren wir heil froh, unbeschadet in die völlig ruhige Bucht Travna einfahren zu können.

 

Strömungen, auf die man nicht gefasst war

 

Die Überfahrt von der Insel Vis zur Insel Hvar gestaltete sich relativ ruhig, weil wir am Morgen schon zeitig aufgebrochen waren. Allerdings empfanden wir diesen Törn als unangenehm, nachdem wir dann, vor der Inselgruppe Pakleni, eine starke ablandige Strömung in Richtung Südwest antrafen. Sie stellte sich uns von schräg vorne entgegen und versetzte uns zusätzlich in westliche Richtung. Es war deshalb nicht möglich, unser Ziel, die Stadt Hvar, mit der normalen Paddelgeschwindigkeit zu erreichen. So hatten wir uns nach mehreren vergeblichen Anläufen, an das Ostufer der Insel Sv. Klement zu gelangen, letztendlich entschlossen, vom Kurs abzufallen und mit dem westlichen Strömungsanteil in Richtung Westkap der Insel Sv. Klement zu paddeln und dort zu versuchen, um das Kap herum in ruhiges, driftfreies Gewässer zu kommen. Das schafften wir dann auch relativ mühelos.

 

Ich erinnerte mich dabei an meine Überfahrt vor 11 Jahren: Da hatte ich die gleichen Schwierigkeiten: Nur mit äußerster Mühe erreichte ich die Pakleni-Inseln und konnte mich zwischen Sv. Klement am Kap Perna und der Insel Borovac hindurchzwängen. Damals hatte ich allerdings die Probleme auf die heftige Bora zurückgeführt, die mir entgegenblies und nicht auf eine zusätzliche scheinbar permanente Strömung in diesem Gebiet.

 

Hier zeigte sich, dass es von großem Vorteil war, Alternativ-Routen bereits im Vorfeld auszukunden. Das hatten Suomalee und ich an unserem Ruhetag zu Beginn unserer Vis-Umrundung diskutiert, bis hin zur Benutzung der Fähre als allerletzten Ausweg. So war es für uns ein Leichtes, eine klare und sinnvolle Entscheidung zu treffen.

 

Zu guter Letzt

 

Ich bin überzeugt, dass Suomalee nach dieser Reise ihren neuen Eskimo-Kajak sehr gut kennen und auf die fahrtechnischen Besonderheiten auch in den nördlichen kühlen Meeren (Nord- und Ostsee) bestens vorbereitet sein wird.

 

Im nächsten Aufsatz werde ich noch einmal auf die Abdrift zu sprechen kommen und an einem Beispiel erklären, wie man sie rechtzeitig erkennen kann.

 

 

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