KP-03 - Mein Reise-Alltag auf Langfahrten

 

verfasst 2011 - geändert am 23.02.2011

 

Wie verläuft mein Reisetag als Solopaddler im Allgemeinen bei einer etwas längeren Tour? Das möchte ich in diesem Beitrag einmal kurz schildern.


Zunächst ein wenig Statistik, damit Ihr einen Überblick erhaltet und sie an Eure Bedürfnisse angepasst, als eigene Planungsgrundlage verwenden könnt.


Seit ich mit dem Seekajaking angefangen habe, waren meine Reisen im Durchschnitt 2.100 Kilometer lang. Dabei habe ich bei meiner Tour 2004 zur Olympiade nach Athen den Donauabschnitt von 2.400 km nicht mitgezählt, um nur die alleinige Strecke auf dem Meer zu erhalten.


Bei einem geplanten durchschnittlichen Etmal von 30 km/Tag benötigte ich je Reise 70 Tage. Mit den eingeplanten Besichtigungs- und Ruhetagen komme ich dann auf rund 3 Monate pro Reise, die ich mir in meinem letzten Lebensabschnitt (Rente/Pension) auch gönne.


Bei solchen Unternehmungen kehrt nach einer kurzen Probe- und Eingewöhnungsphase allmählich eine gewisse Routine ein, der ich im überwiegenden Maße gefolgt bin und auch weiterhin folgen werde. So habe ich mir angewöhnt, mich rechtzeitig in den Schlafsack zu verkriechen und dafür bereits bei frühester Dämmerung aufzustehen. Das hat meist den Vorteil, dass ich noch vor dem Tau meine Ausrüstung trocken in den Transportsäcken und in den Gepäckräumen des Kajaks unterbringen kann. Das verringert die Kondenswasserbildung in den Staukästen und ich muss weniger Aufwand treiben, diese wieder trocken zu bekommen. Meist reicht ein Lüften mit offenem Lukendeckel am Nachmittag, so dass nicht alles ausgeräumt werden muss. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich den größten Teil meines Tagespensums noch vor der Mittagshitze zurückgelegt habe.

 

Zu den Essgewohnheiten kann ich nur meine eigenen Erfahrungen beisteuern, die aber den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler völlig entgegenlaufen. Ich esse eine volle Mahlzeit in der Regel nur einmal am Tag und das gemütlich am späten Nachmittag oder am Abend. Diese Angewohnheit praktiziere ich schon seit über 40 Jahren, ohne dass ich deswegen einmal einen Arzt aufsuchen musste. Ich habe mein Gewicht über die lange Zeit gehalten und fühle mich bei bester Gesundheit auch bei Extrembelastungen in der Arbeit, beim Sport und eben auf Reisen.

 

Für mich persönlich ist es wichtig, am Tag nur soviel Kalorien mit vielfältiger, abwechslungsreicher Nah- rung (wegen der Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine) zu mir zu nehmen, wie ich auch während des Tages verbrauche. Ist die Ernährung ausgewogen, benötige ich keine zusätzlichen chemischen Präparate. Wenn ich auf meinen Körper etwas horche, brauche ich auch keine ernährungstechnischen Ratschläge. Er zeigt mir selber an, was er benötigt, indem er auf das Mangelnde einfach Appetit macht. Wann gegessen wird, sehe ich als zweitrangig an, ob auf einmal oder über den ganzen Tag verteilt. Nur am späten Vormittag nehme ich Kohlehydrate in Form von ein paar Süßigkeiten zu mir, damit noch genügend Energiereserven für den Nachmittag vorhanden sind (als Ersatz für den teuren Traubenzucker). So hat sich auf meinen Touren meist gezeigt, dass ich mit dem selben Gewicht abgereist und auch wieder angekommen bin.

 

Aber das ist meine eigene Erfahrung! Jeder muss mit sich selbst zurecht kommen, auch bei der Ernäh- rung. Es bleibt jedem vorbehalten, ob er seinen eigenen Ernährungsplan aufstellt oder nach einem der unzähligen, angeblich wissenschaftlichen Vorschläge lebt. Darüber ist sicher in anderen Foren genügend diskutiert worden. Bitte nehmt das oben Erwähnten als meine Meinung hin und nicht als Empfehlung.

 

Wenn die Sonne aufgeht, bin ich in der Regel nach der Morgen-Hygiene bereits auf dem Wasser. Sehe ich den Feuerball, stelle ich mit dem Kompass die Position fest, um nach dessen Zug über den Himmel die ungefähre Fahrtdauer in Stunden abschätzen zu können. Das Zentralgestirn wandert pro Stunde rund 15 Grad nach Westen weiter (den Höhenbogen über der Kimm und die jahreszeitlichen Schwankungen nicht berücksichtigt). Also, wenn ich die Sonne in der Frühe z.B. im Osten auf 90 Grad anpeile, wird sie 6 Stunden später auf 180 Grad im Süden stehen und wieder 6 Stunden später auf 270 Grad im Westen. Diese Zeitangaben reichen mir bei einer Langfahrt völlig aus. Bei einer gemütlichen Paddelgeschwindigkeit von 5 km/h, und normalen Wetterbedingungen, kann ich grob sagen, dass ich mein Tagesetmal von 30 km erreicht habe, wenn die Sonne einen Winkel von rund 90 Grad zurückgelegt hat. Eine Uhrzeit kann man allerdings mit dieser Methode nicht ablesen.

 

Nachdem ich mein Tagespensum erreicht habe, beginne ich intensiv nach einem Lagerplatz zu suchen. Eigentlich bin ich ständig auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen und es ist auch schon vorge-kommen, dass ich meinen Tagestripp bereits nach wenigen Kilometern wieder abgebrochen habe, wenn der gesichtete „romantische“ Lagerplatz alle Kriterien meiner Auswahl (siehe unten) entsprochen hat. Dann habe ich mir praktisch einen Ruhetag gegönnt. Das ist für mich überhaupt kein Problem, weil ich mir meine Reiseplanungen immer so großzügig ausgelegt habe, dass ein zusätzlicher Ruhetag keine ernste Einschneidung im zeitlichen Tourenverlauf bewirkt.

 

Bei 30 km/Tag rechne ich pro Woche einen Tag zum Erholen mit ein, zusätzlich zu den geplanten Tagen für Besichtigungen. Für mich hat bei einer Seekajakfahrt das Leben draußen, die Erholung und die Verbindung mit der reinen Natur und die Einsamkeit erste Priorität. Das Leben auf den Touren nach meinen eigenen Regeln und Erfahrungen zu gestalten, autark und nur für mich selbst verantwortlich zu sein, ist der permanente Antrieb für meine Entscheidung, als „Einsamer Wolf“ zu reisen.

 

Nach meiner Prioritätenliste wähle ich den geeigneten Lagerplatz aus .Entsprechend der Reihenfolge der Nummerierung, die nach meinen Wichtigkeitskriterien (Paarvergleich, siehe BK-09 - "Normierte Entscheidungshilfe - Paarvergleich" oder aus Erfahrung) gestaffelt ist, checke ich die Plätze ab:

 

1 - Einsamkeit

2 - von Seeseite sturmgeschützt (Wenn nein, dann ist Nr. 3 Pflicht)

3 - Fluchtmöglichkeit ins Landesinnere, bei starker Dünung und Sturm

4 - Boden: Kies, Steine

5 - keine hohen Felsen in der Nähe des Lagers (Steinschlag an Steilküste!)

6 - leichtes Aus- und Einbooten

7 - sauberes Wasser

8 - Strand nicht zugemüllt

9 - keine Zufahrt von der Landseite

 

Das sind meine persönlichen Ansprüche an einen Lagerplatz, natürlich im Idealfall. Paddle ich aber immer weiter in den Nachmittag hinein,muss ich an den Forderungen zwangsweise Abstriche machen.

 

Habe ich einen geeigneten Lagerplatz gefunden, wird zunächst der Kajak versorgt und sicher an Land gebracht. Danach baue ich das Lager auf. Wenn ich alleine in der Bucht bin, was ich in den meisten Fällen gewährleisten kann und die Anzeichen günstig stehen, dass das Wetter auch während der Nacht trocken bleiben wird, verzichte ich sogar auf das Tarp, es sei denn, ich benötige einen Sonnenschutz. Ist dies alles erledigt, beginnt für den restlichen Nachmittag das Outdoorleben.

 

Dabei verrichte ich die normale Lagerarbeit, säubere den Kajak, wische das Wasser aus der Sitzluke, öffne die Gapäckluken, damit das Kondenswasser sich verflüchtigen kann. Wasche die Salzkrusten, die sich im Laufe des Tages gebildet haben, von meiner Spritzdecke, der Schwimmweste, dem T-Shirt und der Schirm-Kappe und lege alles zum Trocknen auf. Anschließend bade ich selbst und lasse mich von der Sonne wärmen, streife um das Lager, beobachte und erkunde die Gegend, suche nach eventuell noch verwertbarem Strandgut oder nach einem kleinen Souvenir. Einen passenden Stock für vielerlei Zwecke finde ich immer und lege ihn griffbereit neben die Liegematte.

 

Im Lager erledige ich meine Buchführung, bestimme meinen Standort. Dabei verwende ich meist nur die Land- oder Seekarte und zeichne meine Position ein, die man im Mittelmeerraum auch meist ohne navi- gatorische Ortsbestimmung findet. Weil ich früher als Luxus einen alten GPS-Empfänger dabei hatte, ermittelte ich damit zusätzlich meinen Lagerplatz und nachdem Übertrag in die Karte musste ich oft erheiternd feststellen, dass ich nach dem Garmin-etrex eigentlich von der Küste entfernt, irgendwo im Wasser übernachten müsste, auch wenn ich die Übertragung in die Karte mehrmals nachgerechnet und -gemessen hatte.

 

Während des ausgiebigen,abwechslungsreichen Essens bereite ich mich auf den nächsten Tag vor: Ich versuche mir die Tagesetappe einzuprägen, die Reihenfolge der Buchten und der Ortschaften, die ich passieren werde, beachte die Besonderheiten in der Karte und ich merke mir die Stellen, bei denen es unter Umständen zu Schwierigkeiten kommen könnte, wie z.B.: Düseneffekt zwischen Inseln, Überfahrten über tiefe Buchten (Peloponnisos, Chalkidiki usw.) und Sunde (Euböa, dalmatinische Inseln, ...), wenn eventuell der Wind (Maestral, Meltemi, ...) entlang der Uferlinien wehen könnte und die Wellen, die durch den langen Fetch entstehen, mich auf das Meer hinaus oder weg vom gewünschten Ziel versetzen könnten. Bei einer Inselüberfahrt errechne ich mir den Kurs und berichtige ihn mit der Missweisung zum Kompasskurs, beziehungsweise ich entnehme ihn aus meiner Überfahrtenliste, die ich mir schon bei der Planung angelegt hatte und stelle ihn am Kompass ein. Mit diesen Kenntnissen kann ich am nächsten Tag während der Fahrt auf die Karte verzichten.

 

Die bei der ersten Seekajakreise im Outdoorshop erstandene Kartenhülle „speziell“ für Seekajakfahrten war nicht dicht, zumindest zu der damaligen Zeit nicht, als ich sie erstanden hatte und versaute mir meine wichtigsten Unterlagen, die Seekarten. Ein weiterer der vielen Gründe, warum ich gegen die irreführenden Werbeargumente der Outdoorhändler: „absolut“ wasserdicht etc., zu Felde ziehe - der Rollverschluss war zu kurz und die Verklebung der Klette zur Sicherung löste sich bereits am zweiten Tag auf.

 

Das Tagebuchschreiben ist meine letzte Aufgabe, die ich an diesem Tag erledige und dauert meist bis zum Sonnenuntergang, den ich beobachte, um mir ein Bild über das Wetter am nächsten Tag zu machen.

 

Wenn die ersten Sterne sichtbar werden, liege ich meistens schon auf meiner Matte und genieße den immer deutlicher werdenden Nachthimmel. Satelliten ziehen ihre gleichmäßige Bahn und manche Sternschnuppen leuchten auf. An der Südküste Kretas sah ich eine in der Ferne wie ein rotglühendes Eisenstück frisch aus der Esse mit Feuerschweif, das vom Himmel kam und dann beim Fallen die Farbe zu Dunkelrot änderte und langsam verglühte. Ich kann mir jetzt gut vorstellen, wie unsere Ahnen den Himmel beobachtet und in seinen Phänomenen Götter, Feen aber auch böse Geister erkannt haben.

 

Wenn dann die nächtliche Fauna nicht allzu laut wird oder mir nicht allzu nahe kommt, schlafe ich müde aber zufrieden ein. Den Schlafsack benutze ich da unten am Mittelmeer meist nur als Decke. Manchmal, zum Glück aber sehr selten, habe ich so meine Mühe, in der späten Dämmerung mit Hilfe der Stirnlampe, dem zurechtgelegten Prügel und von Steinwürfen noch vorbeiziehende Kühe, Ziegen und weiteres, meist kleineres Getier wie Füchse, Mäuse und so manche Krabbelviecher zu vertreiben.

 

Zweimal musste ich Kühe von meinem Lagerplatz fernhalten, die vor meinem Tarp keine Scheu hatten und drohten, es einzureißen. Eine Mischung aus Fuchs und Kojote, keine Anhnung um welches Tier es sich gehandelt hatte, dessen Augen im Lampenlicht aber aufleuchteten wie bei einer Katze, vertrieb ich am Mittelfinger des Peloponnisos mit Steinwürfen. Auf der Insel Fleves südlich von Athen versuchte ich mir eine Maus vom Leibe zuhalten, die es auf eine leere Konservendose in der Abfalltüte abgesehen hatte, in der Thunfisch mit Gemüse gewesen war. Als ich den kleinen Nager mit dem Stock verjagen wollte, entwich e rerschreckt über mein Gesicht und quer über den Schlafsack meines offenen Lagers.

 

Zum Glück hatte ich am Mittelmeer nur ein einziges Mal mit Mücken zu tun. Das war 2010 in Kroatien. Ich hatte den Süßwassertümpel in der Nähe des Lagers nicht beachtet, an dem diese kleinen Plagegeister vermutlich ihre Brutstätten gehabt hatten.

    

 

 

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