KF-29 - Seekajak-Tour Dalmatien/Kornaten - 13. Tag - 21.08.2015


verfasst 2016 - geändert am 16.05 2016


Die dazugehörenden Kapitel im Reisebericht: „Zum Donnerwetter mit dem Seekajakherz“ von meiner Paddelpartnerin Suomalee findet Ihr bei den „Outdoorseiten“ im Post #30 mit den Überschriften:
„ORA ET LA BORA“ und „DA MÜSSEN WIR DURCH“ --->
klicke: “hier“
(Quelle: https://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php/88614-HR-Zum-Donnerwetter-mit-dem-Seekajakherz?p=1433151&viewfull=1#post1433151)


 

Bild 01: Der Streckenplan vom 21.08.2015, mit „google-earth“ erstellt.


Etmal: 9,1 km - gepaddelte Strecke gesamt: 215,8 km


Der Morgen erstrahlte wieder in der Sonne. Allerdings blies noch die Bora, die auf dem Wasser nicht zu übersehende Wellen vor sich hertrieb.



Bild 02: Bora am Morgen - Die Windstärke liegt bei satten 6 Beaufort. Durch den kurzen Fetch (maximal 9 km Anlaufstrecke) entstehen in Dalmatien Wellen mit nur geringer Höhe, wenn sie wie hier aus nordöstlichen Richtungen kommen. Trotzdem weisen sie alle Merkmale von 6 Beaufort, eventuell sogar 7 Beaufort in der entsprechenden Skala auf. Die Windgeschwindigkeit hat sich aber eindeutig in diesem Bereich bewegt.


Beim Frühstück diskutierten wir eingehend die vorhandene Situation und wägten ab, was zu tun sei. Unsere Vorräte reichten an Wasser für rund 3 Tage, Essen nur mehr für einen Tag. Gut, ich hatte in den Bootspitzen noch eine „Eiserne Ration“ (Frühstücksfleisch, Fischkonserven), mit der wir nochmals einen Tag auskommen würden. Auch zeitlich waren wir gut aufgestellt, sodass wir ein, zwei Tage länger ausharren könnten. Also, von dieser Seite aus konnten wir beruhigt sein, noch einen Tag, wenn es sein müsste, sogar noch einen zweiten Tag hier auf Veli Tetovisnjak zu verbringen.


Aber was geschieht dann, falls die Bora immer noch nicht abgeklungen ist? Sie hat ja erst gestern Nachmittag begonnen und eine Bora kann nach den allgemeinen Informationen im Sommer 1 bis 3 Tage dauern, manchmal aber auch nur wenige Stunden. Das heißt, im schlimmsten Fall könnten wir erst übermorgen am Nachmittag zur Insel Murter übersetzen.


Die kürzeste Entfernung von hier zur Insel Murter beträgt knappe 7 Kilometer; bei ruhigem Wetter in etwa einer guten Stunde zu schaffen. Gegen Wind, Wellen und Strömung verlängert sich allerdings die Fahrzeit erheblich und kann schon ein Mehrfaches ausmachen. Voraussetzung dabei ist, dass das Fahren gegen die Wellen beherrscht wird. Wie oben beschrieben, haben wir es hier, bei den vorherrschenden Windgeschwindigkeiten, mit nur relativ niedrigen Wellen zu tun, die durch den kurzen Fetch noch nicht ihre normale Höhe erreicht haben.


Im Jahre 2013, als wir die Insel Vis umrundet hatten, sind wir gegen wesentlich höhere Wellen angepaddelt, bei einem Fetch von rund 200 Kilometern und ähnlicher Windstärke. Nur damals konnten wir in einer ruhigen Bucht einsteigen, die Spritzdecken sicher schließen und dann aus der Bucht in die Wellen hinausfahren. Hier schlugen die Wellen aber direkt ans Ufer, was das Einsteigen zum Problem machte. Also konzentrierten wir uns darauf, welche Möglichkeiten es gab, die kurze Zeit zwischen den „Hohen Drei“ auszunutzen, die Kajaks ins Wasser zu bringen, einzusteigen und aus der Brandungszone zu paddeln.


Über den natürlichen „Slip“ würde es zu lange dauern, außerdem besteht dort die Gefahr, dass der Kajak dann querschlägt und von der Brandung gegen die Felsen gedrückt wird. Direkt vor der Felsplatte ist das Wasser nur knietief gewesen und die Wellen kamen nahezu direkt von vorn. Eigentlich die ideale Ausgangsbasis für schnelles Einsteigen! Wenn wir die Kajaks direkt über die Kante der gut einen halben Meter über dem Wasser befindlichen Felsplatte hieven, würde noch genug Zeit verblieben, einzusteigen und die Brandung zu überwinden, bevor die hohen Wellen wieder anrollen. Bei meinem PE-Kahn würde es keine Probleme geben, ihn über die scharfe Felskante rutschen zu lassen, aber bei Lees empfindlichen GFK-Kajak schon. Deshalb habe ich folgendes vorgeschlagen:


- Wir tragen die Boote bis zur Kante und lassen sie mit dem Bug voraus soweit überstehen, dass sie noch sicher auf der Felsenplatte aufliegen. Dazu sollte Lee ins Wasser steigen und die Boote vorne etwas anheben, damit sie beim Vorschieben nicht auf der Felsenkante verkratzen.

- Wir warten die „Hohen Drei“ ab und Lee hebt dann vorne ihren Kajak an und ich hinten, tragen ihn ein kleines Stück (ca. 1 m) in Richtung Wasser, bis Lee ihn ohne Grundberührung ins Wasser setzen kann und das Boot von selbst aufschwimmt.

- Ich schiebe den Kajak im Wasser weiter, lasse das Heck ins Wasser gleiten, während Lee an der Sitluke das Boot sichert und sich zum Einstegen bereithält.

- Sie steigt sofort ein, und paddelt aus der Brandungszone.

- Bei mir geht es da wesentlich einfacher. Ich hebe den Kajak hinten an, kippe ihn über die Kante und lasse ihn runterrutschen, bis der Bug sich im Wasser befindet und aufschwimmt, schiebe das Boot im Wasser vor und lasse das Heck ins Wasser hinab.

- Ich kann über den Felsen direkt ins Wasser steigen/hüpfen, mich ins Boot setzen und ebenfalls noch rechtzeitig wegfahren. Notfalls müsste ich noch einmal die „Hohen Drei“ abwarten. Das ginge aber recht gut, weil der Kajak senkrecht zur Wellenfront liegt und ich ihn am Süllrand in dieser Position gegen die Wellen halten kann.


Weil wir oft beobachtet hatten, dass sich der Wind um die Mittagszeit etwas beruhigte, warteten wir noch, bis die Sonne im Süden stand. Und tatsächlich flaute der Wind ein wenig ab und etwas später wurden auch die Wellen niedriger, nicht viel, aber doch bemerkbar.

 


Bild 03: Lee verstaute gerade ihre Ausrüstung, damit wir bei entsprechend ruhigerer Lage nach der oben beschriebenen Methode sofort ins Wasser konnten.


Wie vorhergesagt, gelang uns auf diese Weise das Einbooten nahezu perfekt. Das war schon ein erhebendes Gefühl. Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks, hatte uns dabei sicherlich geholfen (Näheres dazu, siehe: „Anmerkung und Tipp“).


Während der Überfahrt nach Murter, erinnerte sich Äolus, der Gott des Windes, wieder daran, dass die Mittagspause seiner Helfer zu Ende war und schickte seine Winde erneut zum Arbeiten, und Bora legte sich noch einmal ins Zeug. Nun erlebten wir zu guter Letzte sogar ein wenig Abenteuer, als wir gegen Wind und Wellen ankämpften. Das machte Riesenspaß.


Ich stellte keine Abdrift fest und der seitliche „Inselvergleich“ bestätigte mir, dass wir stetig vorankamen, nicht auf der Stelle paddelten oder gar zurückgetrieben wurden. Diese ständigen Kontrollen der Abweichung und des Vorwärtskommens waren mir bei „Überfahrten auf Sicht“ zur Routine geworden.


Wir paddelten zwischen den Inseln Vodnjak und Kukuljari hindurch in Richtung der Bucht Sveti Nikola und schwenkten dann im Windschatten und nahezu ruhigem Wasser nach Nordwesten zum Kap Murteric. Von dort aus hatten wir bereits den Campingplatz Kosirina gesehen, rund 2,5 km entfernt. Irgendwo zwischen dem Kap und Kosirina musste Stella Maris liegen. Bei der Abfahrt hatten wir das Hinweisschild auf das Restaurant Stella Maris am Gebäude bemerkt. Das musste doch auf alle Fälle zu finden sein. Deshalb fuhren wir an der Küste entlang, damit wir unseren Campingplatz nicht verpassen konnten.


Nachdem wir fast die halbe Strecke zurückgelegt, das Hinweisschild aber immer noch nicht entdeckt hatten, waren wir uns allerdings nicht mehr ganz sicher, ob wir nicht schon an unserem Campingplatz vorbeigefahren sind. Zweifel kamen auf. Ich ärgerte mich, dass ich bei der Abfahrt nicht die Position per GPS festgestellt hatte. In den Karten war Stella Maris nirgends vermerkt. Erst als wir eine Klippe umrundet hatten, kamen die Gebäude und auch das Hinweisschild zum Vorschein. Der Campingplatz lagt ziemlich versteckt in einer kleinen Bucht, die wir erst einsehen konnten, als wir um das Hochufer gepaddelt waren.


Alternativ wären wir bis zum Campingplatz Kosirina gefahren und hätten dort um Auskunft gebeten.


Ankunft am Strand vom Campinkplatz Stella Maris auf der Insel Murter

Nord: 43 grd, 47 min, 14 sec - Ost: 15 grd, 37 min, 04 sec


Mit der Ankunft am Campingplatz hatten wir unsere Seekajktour mit 13 Tagen auf dem Wasser beendet.


Hier noch ein paar Bilder von unserer Rückfahrt, im Angesicht der Bora.



Bild 04: Sonnenuntergang während der Heimfahrt auf der Autobahn in Richtung Velebit-Kanal - Wie ein Großfeuer hinter den Küstenbergen senkte sich die Sonne in die Dämmerung.

 


Bild 05: Wir näherten uns dem Velebit-Gebirge. Die Wolkenwalzen der Bora waren jetzt auf dem Kamm sehr deutlich zu erkennen.



Bild 06: Technischer Halt auf einem Autobahnrastplatz - Lee spannte noch einmal die Gurte und Halteseile an den Booten nach. Bei diesen Wolkenbildern wurde einem schon ein wenig schwummerig, wenn man sich vorstellte, dass aus diesen Wolken die Bora den Hängen des Velebit-Gebirges herunterbrauste, Fahrt aufnahm und ihre maximale Kraft unten am Kanal entfaltete, gerade an der Stelle, an der die Autobahn über das Wasser führte. Da war es kein Wunder, dass in diesem Bereich der Autobahn bei Sturm die Geschwindigkeit auf 60 km/h beschränkt worden war. Selbst dieses Tempo konnte mit den Booten auf dem Autodach kaum eingehalten werden.


Wir waren deshalb sehr froh, als wir in dem Autobahn-Tunnel „Sveti Rok“ (ca. 5700 m lang) Zuflucht finden konnten und dass, als wir oben am Velebit-Gebirge wieder hinausfuhren, alles vorbei war. Hier herrsche völlig ruhiges Wetter, von einer wütenden Bora nichts zu spüren.


Anmerkung und Tipp:


Lee und ich haben über den Zeitpunkt der Abfahrt lange diskutiert, sind aber dann doch zu einem vernünftigen Ergebnis gekommen. Wir sind tatsächlich bei relativ zahmen Wind und flachen Wellen losgefahren. Wir haben den „günstigen Augenblick“ optimal erwischt. - Gut, ich gebe zu, ich wäre etwas früher losgepaddelt, bereits dann, wenn ich erkannt habe, dass ich den Seegang fahrtechnisch bewältigen kann. Zum, für mich sehr wichtigen, Terminus des „günstigen Augenblicks“ möchte ich aus meiner persönlichen Sicht folgendes ausführen:


Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks


Nach Wikipedia ist „Kairos“ ein religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann. In der griechischen Mythologie wurde der günstige Zeitpunkt als Gottheit personifiziert.


Meine grundsätzliche Überlegung zu diesem Komplex geht dahin, mit dem größtmöglichen Erfolg eine Aktion zu meistern. Wenn ich bei einer bereits beherrschbaren Situation annehme, dass sie eventuell noch besser wird, kann ich schon zu dem Zeitpunkt aktiv werden, bei dem mir klar wird, dass ich die Lage im Griff habe. Auf diese einfache Weise habe ich mir zusätzliche Sicherheit und ein Zeitpolster eingebaut. - Wenn ich aber zuwarte, bis es eventuell immer noch besser wird, laufe ich Gefahr, dass ich den richtigen Zeitpunkt verpasse, das Pendel wieder zurückschwingt oder sich während meiner zu spät begonnenen Aktivität, die Verhältnisse schon wieder verschlechtern.


Parallelen von „Kairos“ zur Problem-Analyse und -Lösung


Neben der Einschätzung des richtigen Zeitpunkts sehe ich auch große Ähnlichkeiten bei einer sicheren, vorausschauenden Problemlösung. - Im Laufe meines Lebens habe ich mich zu einem Zweck-Pessimisten entwickelt. Ich setzte mich mit einem eventuell eintretenden Übel auseinander, eruiere die Optionen, die mir zur Verfügung stehen, das Unheil zu beseitigen, abzuwenden oder zu umgehen und freue mich, wenn die Katastrophe dann doch nicht eintritt. Das ist in dem Fall von immenser Bedeutung, wenn die Vorbereitungen länger dauern, sich umfangreicher gestalten, oder ich noch zusätzliche Fertigkeiten erlernen muss.


Wenn Leicht- und Gut-Gläubige aber bis zum Schluss warten, sich vorher nicht umfassend informieren, jede Warnung in den Wind schlagen und nur hoffen, dass nichts passieren wird oder sich die Situation von alleine löst - und das Verhängnis ereignet sich trotzdem - trifft es sie mehrfach: Das Geschehen ereilt sie unverhofft, sie sind völlig unvorbereitet, stehen vor dem Nichts, und es geht mit ihnen rapide abwärts! Daraus kann Panik entstehen und sie überreagieren. Das könnte auch den höchsten Grad der Hysterie überschreiten und sie wandeln sich zu Beserkern! Das ist oft zu beobachten in extremen Survival-Situationen, beim gesteuerten Hassaufbau und Hetze (Mob!), bei sich langsam zuspitzenden Konflikten und insbesondere in Kriegsgebieten.


Meinen Vers d'rauf: Wer da nicht rechtzeitig selber nachforscht, wohin die Reise geht und sich nicht entsprechend vorbereitet, hat einen selbstverschuldeten Notstand herbeigeführt! Ich hoffe, jene haben dann wenigstens ihre Survival-Kits zusammengestellt und gepackt. (Smiley: „?“)


Kleiner Tipp mit großer Wirkung - Position feststellen


Eigentlich mache ich das grundsätzlich: Wenn ich in einer fremden Stadt mein Auto irgendwo abstelle, merke ich mir die Örtlichkeiten (z.B. Straße und Hausnummer, einen bestimmten Parkplatz usw.), notfalls vermerke ich mir die Daten. Mit diesen Angaben kann ich mein Auto immer wieder finden.


Beim Seekajaking ist es ebenso: Will ich wieder an eine bestimmte Stelle zurück, muss ich mir den Ort merken. Im speziellen Fall, die Position feststellen und aufschreiben. Beim Wiederfinden unserer „Geburtstagsinsel“ habe ich es gemacht - beim Campingplatz „Stella Maris“ unverständlicherweise nicht! Dabei wäre es so leicht gewesen, die Standortdaten mittels GPS zu bestimmen und abzuspeichern. Eine Nachlässigkeit, die eigentlich hätte nicht passieren dürfen.


Das kommt davon, wenn man nach langer Abstinenz (2 Jahre) so schnell wie möglich in See stechen möchte! (Smiley: „Plafondblick“)


Hier endet meine Erzählung von unserer Seekajak-Tour 2015. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem Erlebten dieser Reise. In Verbindung mit dem Reisebericht von Suomalee erhält man dennoch einen anschaulichen Überblick über unsere Erlebnisse. Ich hoffe, dass unsere Erzählungen, Daten und Hinweise einigen Lesern dienlich sind, die eventuell ähnliche Vorhaben planen. Beachtet aber bitte: Einen echten Outdoor- und Seekajak-Freak erkennt man daran, dass er keine Spuren hinterlässt! Verstreuter Müll, offene Feuerstellen, mutwillige Zerstörungen usw. sind das Privileg ausschließlich von Rowdys.

 

 

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