KR-01 - Winde um Korsika

 

verfasst 2010 - geändert am 20.02.2012

Äolus, der Gott der Winde hat es gut gemeint mit Korsika und der Insel eine Menge bewegte Luft beschert. Allerdings können Winde für das gemütliche Küstenpaddeln zu einer harten Herausforderung für uns Kanuten werden, insbesondere wenn sie nicht nur säuseln sondern so richtig blasen. Bei meinen Recherchen im Internet habe ich sieben Windsysteme kennen gelernt, die auf Korsika einwirken. Hinzu kommen noch die lokalen Winde, die an jeder Küste anzutreffen sind. Außerdem beeinflusst die Küsten- form die Winde und dies ist nicht unerheblich für das Küstenpaddeln.

Korsikas Windsyteme

1 - Libecciu
Von Südwesten kommt der Libecciu, der aus Richtung der Meerenge von Gibraltar im Sommer trocken und heiß, im Winter frisch weht und dem Westen Korsikas Regen bringt - der Libecciu ist der häufigste Wind auf der Insel Korsika.

2 - Ponente
Der Ponente ist ein reiner Westwind, der von den Pyrenäen kommt. Man trifft ihn zwar seltener an, bringt aber dann den Frühlings- und Herbstregen.

3 - Maestrale
Der Maestrale ist der Mistralaus dem französischen Rhone-Tal, kalt und trocken. Er trifft Korsikavon Nordwesten, ist völlig unberechenbar, führt aber klare Luftmassen herbei, die eine außergewöhnliche Weitsicht auf der Insel ermöglichen.

4 - Tramontane
Kalt und trocken weht auch, wenn etwas seltener, der Tramontana aus dem Norden, der eine frische, angenehme Witterung mit sich bringt.

5 - Gregale
Aus dem Nordosten erreicht der Gregale Korsika über das Tyrrhenische Meer und bringt dem Norden der Insel ein feuchtes, schwüles Wetter, dem Süden aber Trockenheit.

6 - Levante
Der Levante führt als Ostwind warme und feuchte Luft heran, die Korsika manchmal in ein unangenehmes Treibhausklima eintaucht.

7 - Sirocco oder Mezzogiorno
Bleibt zuletzt der Südwind, der Sirocco, den die Korsen auch Mezzogiorno nennen. Eher gefürchtet als geliebt ist dieser Wind, der aus Afrika im Sommer heiße und trockene Saharaluft bringt und bei Tief- drucklage heftige Gewitter und stellt deshalb eine plötzliche Gefahr für die Hochgebirgswanderer aber auch für den Küstenpaddler auf Korsika dar. In der Regel setzt er drei bis vier Stunden nach Sonnenauf- gang ein, erreicht gegen Mittag seine höchste Kraft und flaut gegen Abend wieder ab. Abgelöst wird er in der Nacht durch den landauswärts wehenden Terranu, dem dann am Morgen in umgekehrter Richtung wieder der Mezzogiorno folgt (siehe unten: Land- und Seewind).

Alle Windarten haben ihre Eigenheiten, die nicht immer den Wünschen der Ferienreisenden entgegen-kommen, aber entscheidend zur Charakteristik Korsikas beitragen - haben sie doch über Jahrtausende mit ihrer beständigen Kraft an den für die Insel so typischen Gesteinsformationen mitgearbeitet.

Unerwartete Starkwinde an der Ostküste Korsikas

Die Situation entwickelt sich etwa so: Eine durch Mistral und Genuatief geprägte Starkwindperiode mit vorherrschend westlichen Windrichtungen geht zu Ende. Der Revierkundige merkt das u.a. daran, dass das Genuatief in Bewegung gerät und langsam nach Südosten abzuziehen beginnt. Die Wetterberichte melden das. Das abziehende Genuatief bringt auf seiner Rückseite aber früher oder später für die korsische Ostküste küstenparallele nördliche Winde mit sich, die gelegentlich auch im Sommer recht heftig werden können und aus dem Stand innerhalb von 10 Minuten von null auf sechs bis sieben Windstärken auffrischen können - aus einer Richtung, mit der zu dieser Jahreszeit niemand rechnet. Am unangenehmsten ist es natürlich, wenn diese Erscheinung nachts oder gegen Morgen auftritt und des Paddlers Zelt am Strand in Wassernähe steht. Aber auch tagsüber kann dann aus einer gemütlichen Paddeltour an der Küste ein Kampftag werden, bis man eine geeignete Ausbootstelle in einer Bucht oder im Lee eines Kaps (siehe unten) gefunden hat. Manchmal dauert der Spuk nur wenige Stunden, kann aber leider auch über mehrere Tage gehen. Ist diese Nordlage vorbei, beginnt in der Regel die nächste hoffentlich lange Schönwetterperiode, bis Mistral und Genuatief erneut ihr hartes Regime errichten.

Zum Mistral

Will man zum Mistral Wetterinformationen aus dem Radio bekommen, bekommen die Interessenten in Wirklichkeit einige harsche Probleme, die nachstehend mit ein wenig Ironie beschrieben werden.

1 - Wetterberichte im westlichen Mittelmeer
Im Westlichen Mittelmeer gibt es für Nicht-Franzosen mittlere Schwierigkeiten: Die einzigen Wetterberichte, die wirklich etwas taugen, wenn es um die Frage aller Fragen geht (Kommt der Mistral oder kommt er nicht - wann genau kommt er - wann geht er - wie stark wird er wehen?) sind die französischen. Die Franzosen haben aber ein - sagen wir mal - liebevolles Verhältnis zu ihrer Sprache und geben ihre Wetterberichte unbeirrbar nur auf französisch heraus. Das gilt sowohl für UKW als auch für Kurzwelle. Selbst in der Hochsaison und bei Starkwind- und Sturmwarnung. Nicht einmal eine ab- schließende englische Zusammenfassung gibt es.

2 - andere Wetterbereichte
Ausweichen auf italienische, englische oder deutsche Wetterberichte ist aber nicht ungefährlich, da diese in der zentralen Frage (siehe oben) keine hinreichende Kompetenz haben. (Wahrscheinlich weil die Franzosen früher über die lokalen Messdaten verfügen, die für eine verlässliche und stundengenaue Vorhersage ausschlaggebend sind.) Also was tun?

3 - Man sollte womöglich:
a) versuchen, mit Radio Monaco in Kontakt zu bleiben. Dort wird sowohl auf UKW als auch auf Kurzwelle der französische Wetterbericht im Wortlaut wiederholt und anschließend ins Englische übersetzt.
b) sein bisschen Französisch reaktivieren, die paar einschlägigen Vokabeln lernen und vor allem im Hörtraining mit aufgezeichneten Beispielen trainieren (z.B. höre: bayerisch /deutsch - vergleiche: korsisch / französisch - übersetze:korsisch /deutsch).
c) beachten, dass die Berichte nicht immer pünktlich rüberkommen. Sie können nicht nur hin und wieder große Verspätung haben, sondern werden leider manchmal auch einige Minuten vor dem angegebenen Termin abgesetzt. Die Ankündigung auf Kanal 16 erfolgt aber ausnahmslos immer. Und wenn der französische Wetterbericht für das Seegebiet westlich Korsika einen Wind aus West oder Südwest Stärke 4 - 5 ausdrücklich ankündigt, kann man das durchaus als erste höflich-dezente Andeutung einer möglicherweise in den nächsten Tagen bevorstehenden Starkwindlage verstehen. Vor allem aber dann, wenn nach einer längeren Schönwetterperiode von „gewittrigen Störungen“ die Rede ist, die „vom Atlantik her heranzuziehen beginnen“. Mindestens ein oder zwei Tage wird es dann aber schon noch dauern und vielleicht passiert auch gar nichts. (Der Begriff Mistral - oder auch Tramontane - wird übrigens im Wetterbericht nie benutzt.)

Lokale Windsysteme

Land- und Seewinde sind lokale Zirkulationen, die nur während der Sommermonate bei Wetterlagen mit ungestörter Sonneneinstrahlung auftreten. Der Seewindbereich überdeckt Küstenstreifen bis 100 km.

1 - Seewind
Am Tag wird das Land schneller aufgeheizt als das Wasser im Meer. Deshalb steigt die warme Luft über dem Land auf und saugt die kühlere und feuchtere Seeluft an. Den entstehenden landeinwärts gerichteten Wind nennt man Seebrise oder Seewind. Windgeschwindigkeiten bis 25 Knoten (6 Beaufort) sind im Mittelmeer nicht selten. Das Maximum des Seewindeswird ca. 2 Stunden nach Sonnenhöchststand erreicht und erlischt nach Sonnenuntergang.

2 - Landwind
Der Landwind ist das Gegenstück des Seewindes. Wenn das Land nicht mehr genügend von der Sonne aufgeheizt wird, kühlt es schneller ab als das Wasser. Jetzt steigt die Luft über dem Meer auf und saugt die kühlere Luft über dem Land an. Der Seewind geht in den Landwind über. Windgeschwindigkeiten bis zu 10 Knoten (3 Beaufort) können erreicht werden. Das Maximum wird zwischen 1 und 3 Uhr Ortszeit erreicht.

Düsen- und Kap-Effekte

Treffen Winde auf das Land werden sie nach der Form und Struktur der Küste abgelenkt. Die für das Küstenpaddeln wichtigsten und beachtenswertesten Effekte sind:

1 - Düseneffekt
Lücken im Hindernis verursachen eine starke Windzunahme. Je kleiner die Lücke umso größer die Windzunahme. Dieses Phänomen tritt meistens zwischen zwei Inseln auf. Bei Gegenwind durch eine Meerenge zu fahren, stellt für einen Kajaker ein nahezu undurchführbares Unterfangen dar, nur Hartge-sottenen vorbehalten.
Revierbeispiele: Straße von Bonifacio ( Korsika und Sardinien), Straße von Gibraltar, Straße von Messina, Rhone-Mündung, Rhone-Tal, Doro-Kanal, Meerenge zwischen Naxos undParos.

2 - Flaches Kap
Flache Kaps werden meist von den Winden überweht und nur geringfügig abgelenkt. Sie sind nicht so unangenehm in Lee, aber die Windverstärkung wird direkt am Kap spürbar.

3 - Hohes Kap
Je markanter und höher das Kap ist, um so ausgeprägter ist die Zirkulation in Lee. Direkt in der Umgebung des Kaps verstärkt sich der Wind erheblich. Hinter dem Kap entstehen Wirbel mit teilweise gleichen Windstärken, wie am Kap selbst, aber in entgegengesetzter Richtung. Paddelt man mit den Wind im Rücken um das Kap, kann nach dem Kap der Wind plötzlich von vorne kommen. Der Paddler ist dann gezwungen, auf das Meer auszuweichen, um in einem weiten Kreis, dem Windwirbel folgend, aus der Gegenwindzone zu kommen und in das Lee des Kaps zu gelangen.
Revierbeispiele: Kaps von Sardinien und Korsika, Skagen, Westküste Südnorwegen, Kap Horn.

 

Nachtrag am 20.02.2012

 

Weil ich im Tyrrhenischen Meer noch nie gepaddelt war und die Region nicht kannte, also keinerlei eigene Erfahrung hatte, musste ich für die Beantwortung einer Forum-Anfrage auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen, damit ich für eine Paddeltour um Korsika das Wettergeschehen zusammenstellen konnte. Ich glaubte, dass das die übliche vorherrschenden Methode bei Reisevorbereitungen, auch in einem Internet-Forum, sei.

 

Auf die Recherche im Internet und die anschließende Zusammenstellung habe ich am Anfang meines Beitrags explizit hingewiesen!

 

Jetzt am 17.02.2012 hat sich, nach über einem Jahr nach der Veröffentlichung, ein Mitglied in einem fremden Forum mit dem Zitat: „Noch so ein Guttenberger“ ziemlich echauffiert, weil ich bei meinen Recherchen im Internet und der daraus entstandenen Zusammenstellung nicht die Quellen angegebenen habe. Da muss ich dem Kritiker aus oben genannten Gründen allerdings recht geben. In diesem Einzelfall habe ich die Quellenangabe versäumt. Ich danke ihm für diesen wichtigen Hinweis.

 

Als Neuling im Internetgeschäft war ich damals der Meinung, es würde reichen, auf die Internetrecherche hinzuweisen und zu vermerken, dass es sich dabei um eine Zusammenstellung handelt. Meines Erachtens schließt der Begriff „Zusammenstellung“ mit ein, dass die Angaben nicht nur aus meiner Feder stammen.

 

Deshalb hole ich die Quellenangaben nach:

 

1 „Korsikas Windsysteme“

Quelle: Gerda Krapohl auf www.frankreich-sued.de

Grund: Es war die prägnanteste Beschreibung der sieben Winde, die ich finden konnte.

 

2 „Unerwartete Starkwinde an der Ostküste Korsikas“ und „Zum Mistral“

Quelle: Peter O. Walter auf www.esys.org

Grund: Die Hinweise auf die Wetterberichte zum Mistral empfand ich als eine liebevolle mit ein wenig Ironie gewürzte Hommage an Korsika und seine Bewohner. Deshalb waren sie auch wörtlich übernommen worden.

 

3 „Lokale Windsysteme“

Quelle: Michael Stemmer auf www.stemmer-michael.de

Grund: Auch hier fand ich die Windsysteme am klarsten und verständlichsten beschrieben.

 

Alle drei Autoren/Urheber haben auf meine Nachfrage (Stand 23.02.2011) zugesichert, dass ich meine Zusammenstellung in dieser Form beibehalten darf, allerdings mit Quellenangabe. Vielen herzlichen Dank!

 

PS: Die beiden kritisierten Begriffe, wie ich sie verwendet habe:

- Recherche: ( franz. rechercher: suchen nach; auch: Investigation; Research) bezeichnet die gezielte, nicht-beiläufige Suche nach Informationen. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Recherche)

- Zusammenstellung: die Anordnung von Ausgewähltem (Quelle: http://de.wiktionary.org/wiki/Zusammenstellung)

 

 

 

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