KR-03 - Das Wettergeschehen der Adria aus praktischer Erfahrung

 

verfasst 2011 - geändert am 07.05.2011 

 

Bei meiner allerersten Kajaktour auf dem Meer entlang der dalmatinischen Küste, von Grado in Italien nach Dubrovnik und wieder zurück, habe ich im Jahre 2002 alle nur erdenklichen Wettererscheinungen erlebt und durchgestanden, die ich in meinem Beitrag KR-02 - Das Wetter in der Adria, an der dalmatinischen Küste und den Inselnbeschrieben habe.

 

1 - Wellen, die „Hohen Drei“

 

Das begann schon am ersten Tag bei der Überfahrt von Grado nach Savudrija. Als ich die schützende Mole in Grado verlassen hatte, schwappten Wellen über das Deck. Sie kamen aus Osten, aus der Richtung Triest und ich merkte sehr schnell, dass in regelmäßigen Abständen mir das Wasser bis zur Mitte der Schwimmweste hochspritzte. Ich hatte zum ersten Mal die Bekanntschaft mit den „Hohen Drei“ gemacht. Siehe dazu auch die Beiträge KW-02 - Wellen auf dem Meer und an der Küste und KF-03 Stürmische Überfahrt nach Spetse am Peloponnes - 2006.

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Unsinnigerweise steckte ich die Sonnenbrille vorne in das Gepäcknetz, damit sie ja nicht verloren geht. Nach höchstens zwei Perioden der Hohen Drei war die Brille aus dem Netz verschwunden, auf Nimmer-wiedersehen. Die Lehre daraus: nicht mehr kleine Gegenstände im Gepäcknetz zu verstauen. Seitdem fahre ich eigentlich immer mit leerem Deck.

 

2 - Wenn das Wasser unvermutet steigt

 

Ich baute einen Tag später mein Zelt auf dem betonierten Anlandesteg der kleinen Insel Altijez auf, weil es die einzige ebene Stelle auf dem felsigen Eiland war. Ich wählte den Platz in dem vollen Bewußt-sein,dass die Höhe von vielleicht 40 cm über dem Wasserspiegel ausreichen würde, nicht von der Flut überrascht zu werden. Leider bedachte ich dabei nicht, dass während des ganzen Tags der warme Südwind (Jugo) geblasen hatte.

 

Als ich dann mitten in der Nacht aufgewacht war und feststellte, dass das Wasser bereits am Zelteingang stand, verlegte ich in der Vollmondnacht mein Zelt doch etwas höher auf den krummbuckeligen Fels- boden. Den Rest der Nacht lag ich dann zwar trocken aber äußerst unbequem im Zelt, trotz dicker Isomatte. Jugo in Verbindung mit Vollmond haben halt so ihre besonderen Eigenheiten bei den Gezeitenin der Adria.

 

Weil mir Ähnliches im nächsten Jahr in Italien an einem flachen Kiesstrandin einer kleinen Lagune noch einmal passiert ist, schaue ich heutegrundsätzlich nach einer immer angemessenen Abstandshöhe zumWasserspiegel, insbesondere bei Voll- oder Neumond und bei südlichenWinden, die durch den langen Fetch zusätzlich noch enorme Dünungenzustande bringen.

 

Meine Kamera hatte damals Meerwasser geschluckt. Deshalb kann ich keine Photos von meiner ersten Seekajak-Fahrt an der dalmatinischen Küste zeigen und muss für Erklärungen auf alternative Bilder anderer Reisen ausweichen.

 

 

Bild 1: Italien, 2003 - Ich hätte nicht gedacht, dass das Wasser in der kleinen Lagune an der Adria bis zum Zelt steigen würde (siehe oben).Aber der Südwind trieb die Wassermassen in der Nacht bis knapp vor den Zelteingang.

 

Dabei habe ich noch nicht einmal eventuelle kurzfristig aufkommende Stürme und hohe auslaufende Dünungen, die von Starkwinden auf dem Meer herrühren, berücksichtigt, die mich auf meinen Reisen immer wieder gezwungen haben, mein Lager am Strand in höher gelegene Regionen zu verlegen. Deshalb halte ich bei der Auswahl des Lagerplatzes, wenn möglich, auch Ausschau, dass eine „Fluchtmöglich- keit“ in das Hinterland besteht, um nach dort ausweichen zu können. An einem Ministrand an einer Steilküste, mag er noch so romantisch sein, paddle ich heute lieber vorbei oder nutze ihn nur zu einer kurzen Rast, aber nie mehr zum Übernachten. Die Erfahrungen mahnen eben zur Vorsicht.

 

 

Bild 2: Griechenland 2003 - Bei schönstem Wetter mit praller Nachmittagssonne musste ich das Lager in einer kleinen Bucht auf der Insel Kalimnos zweimal verlegen, weil die anfangs minimale Dünung immer höher wurde. Sie stammte von einem Sturm weit draußen auf dem Meer. Jetzt war mein „Hinterland“ ausgereizt und ich beobachtete mit zunehmender Beunruhigung, wie weit die „Hohen Drei“ bei jedem Auftreten vordrangen. Zum Glück kamen sie nicht mehr weiter als bis zum aufgeschwemmten Kieselwall (siehe die dunklen nassen Fläche auf dem Kamm). Solche Erfahrung muss man einfach sammeln, damit einem die Grenzen und ihre Begleiterscheinungen bewusst werden!

 

3 - Mein erstes Gewitter

 

Auf der Insel Veli Srakane hatte ich mein Zelt auf einer kleinen Wiese in der Nähe des Dampferstegs aufgebaut. Nachdem ich bei einem Einheimischen meinen Wassersack auffüllen wollte, musste ich feststellen, dass dieses kleine Eiland zwar arm an Trinkwasser, aber reich an den diversen Obstbränden war. Nach einer durch den Hochprozentigen recht angeregten Diskussion legte ich mich rechtschaffend müde und mit mir und der Welt zufrieden in meinen Schlafsack.

 

Ich erwachte und schreckte urplötzlich hoch, als es an meinem Zelt gewaltig rüttelte. Ich schälte mich verschlafen aus meiner „Zudecke“, der Schlummertrunk war sofort vergessen! „Jetzt hat deine Stunde geschlagen! Erst besoffen gemacht und dann eins über die Rübe ...“, kam es mir in den Sinn. Wahnvor-stellungen zermarterten mein Gehirn, als noch ein Lichtschein das Innere meines Zeltes erhellte, wie von einem zuckenden, immer wieder aufgeblendeten Scheinwerfer. Ich erinnerter mich an die Geschichten aus den Karl-May-Büchern, die ich in meiner Kindheit über den Balkan und seinen Bewohnern lesend verschlungen hatte. Im selben Moment zerriss ein gewaltiger „Kanonendonner“ das Getöse des Rüttelns am Zelt und Wasser wie aus einem Feuerwehrschlauch prasselte auf das Stoffdach. Danach war es wieder windstill. Nur das Blitzen und Donnern hielt sich noch eine Weile und der Regenguss schwächte sich zu einem leichten Nieseln ab. Ich hatte zum ersten Mal ein „dalmatinisches Gewitter“ erlebt, mit starken Windböen am Anfang, Regenguss, Blitz- und Donnerschlag!

 

Später wetterte ich noch manche Gewitter erfolgreich ab, an Land und im Kajak auf dem Meer. Niemals mehr hatte ich aber solchen Bammel gehabt, wie bei diesem ersten Mal. Anfangs hatte ich noch den Paddelanorak angezogen, als Schutz vor Nässe. Aber bald hatte ich bemerkt, dass ich unter dem Wetterfleck, trotz Hightech-Membrane, vom Schwitzen genauso nass wurde wie ohne und ließ ihn dann meist weg. Nur bei kaltem Wind ziehe ich ihn noch an, weil er trotz Nässe im Inneren, in Verbindung mit der Schwimmweste, den Wind abhält und etwas wärmt.

 

 

Bild 3: Griechenland 2006 - An und für sich ein wunderschöner Kiesstrand an der Südwestküste der Insel Lefkada im Ionischen Meer. Aber es war ein tückischer Lagerplatz, wenn auch der einzige an der gesam- ten Küstenlinie im Süden der Insel: Gleich am Anfang rollte ein faustgroßer Felsbrocken, vermutlich los- getreten von einer Ziege, den Abhang herunter und knallte auf den Kajak. Hätte ich das Tarp bereits auf- gestellt, wäre es zerfetzt worden. Das Boot hat es ausgehalten und es ist nur ein Kratzer zu sehen. Schlimmer war allerdings die Nacht, währen eines Gewitters. Der Regen schlug von den Böen getrieben hart gegen die Steilküste und löste scharfkantige Steinchen aus dem Kalkfelsen, die dann auf das Tarp herunterprasselten. Ich rückte mit meinem Lager ganz nahe an den Felsen und entging so dem Stein-schlag. Allerdings kämpfte ich jetzt mit dem an der Steilwand herunterrinnenden, -tropfenden und in kleinen Wasserfällen herabstürzenden Nass. Zum Glück versickerte es in dem Kies sehr schnell. Bei Sand hätte ich mir Matte und Schalfsack erheblich versaut. Am nächsten Morgen zeigte sich der Himmel in seiner gewohnten sommerlichen Ruhe, als ob nichts gewesen wäre. Nur ich war müde und unaus-geschlafen! Beim Einbooten vernahm ich aus dem leichten Säuseln des Windes, sogar Poseidons hämisches Grinsen, der mir erneut eine Lektion erteilt hatte. Aber mal ehrlich: Manche Menschen, insbesondere der maskuline Teil davon, fallen immer wieder auf die Sirenen in Form der Schönheit eines weitläufigen Strandes, einer einsamen Bucht, einer aufregenden, spärlich bekittelten ... herein und ignorieren dann Wissen, Verstand und Vernunft.

 

4 - Gegen eine Bora muss man kämpfen oder sie einfach abwettern

 

Auf der kleinen Insel Mala Krbela fand ich auf der Westseite im Lee eine Felsenplatte, auf der ich bequem ausbooten konnte. Das Zelt stellte ich etwas oberhalb auf. Weil ich den Kajak (Mein erster Seekajak war ein GFK-Kahn ausländischer Produktion mit erheblichen Fabrikationsfehlern.) reparieren musste, legte ich einen Ruhetag ein. Während des Aushärtens der Spachtelmasse erkundete ich an meinem paddelfreien Tag die Gegend und stieg auch auf den rund 80 Meter hohen kegelförmigen Gipfel der unbewohnten Insel. Ich hatte eine wunderschöne Rundumsicht, sah kilometerweit über das Inselarchipel von Sibenik. Aller- dings pfiff an diesem Tag ein sehr starker Wind aus Nordost, vom bergigen Festland herüber. Er wehte gewaltig den Felsabhang herauf, auf dem im Gegensatz zu der sonst dicht bewachsenen Insel kein ein- ziges Pflänzchen zu finden war, nur eine blanke Felswand. Jeder Krümel Erde war von den anscheinend häufigen Bora-Stürmen aus Nordost weggeweht. Die See war weiß vor lauter Schaumkämmen auf den noch kurzen Wellen, die sich von der Insel Krapanj aus auf einer Strecke von rund 1 Kilometer aufgebaut hatten. Eine Bora hatte eingesetzt und ich hatte sie überhaupt nicht bemerkt! Im Lee der Insel war aber das Wasser ruhig und der Wind kaum spürbar. Diese Bora hielt fast einen ganzen Tag lang an und flaute anschließend zu einem leichten Wind langsam ab.

 

In der zweiten Nacht auf Mala Krbela roch es nach Rauch eines Holzfeuers. Ich krabbelte aus dem Zelt und schaute nach. Nichts war von fremden Besuchern und einem Lagerfeuer auf meiner Seite der kleinen Insel zu erkennen, aber der Rauch war deutlich zu vernehmen. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, legte ich mich wieder in mein Zelt. Aber ich konnte nicht mehr richtig einschlafen. Immer wieder verspürte ich den Rauch in meiner Nase.

 

Am nächsten Morgen beobachtete ich auf dem Weg nach Vodice, zwischender Insel Zlarin und dem Festland, drei gelbe Löschflugzeuge, die in regelmäßigen Abständen eine Schleife in das Hinterland von Sibenikflogen und dann vor mir auf dem Meer im Flug Löschwasser aufnahmen. Jetzt wusste ich auch, woher der Brandgeruch kam, der noch am Morgen deutlich zu vernehmen war. Ein Waldgebiet hinter Sibenik brannte und die Löschflugzeuge versuchten das Feuer einzudämmen. Die abflauende Bora trug den Brandgeruch kilometerweit nach Südwesten.

 

Als ich in die Nähe der Wasseraufnahmestelle paddelte, versuchte ich mich mit Winken und Paddel-schwenken den Piloten in den Flugzeugen bemerkbar zu machen. Jedes der drei Flugzeuge wippte daraufhin nacheinander mit seinen Flügeln als Zeichen, dass sie mich bemerkt hatten und das nächste Mal schöpften alle drei hinter mir ihr Löschwasser. Nebenbei bemerkt: Man benötigt nicht unbedingt moderne Kommunikations- und/oder Pyro-Technik, wenn man sich verständigen will. Man muss ja nicht unbedingt in solchen Situationen eine weiße Signalrakete in den Himmel jagen, als „Achtung“, um auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem werden Signalmittel, die inflationär benutzt werden, in wirklichen Gefahrensituationen dann kaum noch beachtet. Aber das ist eine andere Baustelle und gehört nicht unbedingt hierher. Ich möchte damit keinesfalls die Technikfreaks und Pyromanen vor den Kopf stoßen, sondern nur von meinen praktischen Erfahrungen erzählen.

 

Meine erste richtige Bora auf dem Wasser erlebte ich auf der Rückfahrt von Dubrovnik. Ich wollte in den Stonski-Kanal einfahren, um dann von Veli Ston nach Mali Ston die rund 2 Kilometer hinüber zu karren und danach an der Festlandsküste nordöstlich der Halbinsel Peljesac weiterpaddeln. Von der Nordspitze der Insel Sipan stand mir eine abgelenkte Bora aus Nord bis zur Einfahrt in den Stonski-Kanal entgegen, die sich durch den Düseneffekt noch verstärkt hatte. Für die knapp 5 Kilometer benötigte ich bei relativ niederen, kurzen Wellen nahezu 3 Stunden, die ich sonst bequem in einer Stunde bewältigt hätte. Das erinnerte mich an die Stürme am Tegernsee in meiner Jugend mit sehr starkem Wind aber kleinen Wellen. Im Kanal selbst war es etwas ruhiger. Auch der Kajaktransport mit dem Bootswagen über den Berg auf der Verbindungsstraße verlief ohne nennenswerten Wind. Aber wieder im Wasser schien sich die Bora erneutan mich zu erinnern und wehte mit aller Gewalt mir ins Gesicht. Ich kam kaum einen Kilometer weit und kehrte nach Mali Ston zurück. Entkräftet und müde bootete ich bei einem Slip aus und baute mitten in der Ortschaft am Ufer an einer windgeschützten Stelle mein Zelt auf.

 

Einer der Bewohner beobachtete mich von seinem Garten aus. Als er dann über die Straße zu mir kam, dachte ich zunächst, er würde mich auffordern, weiterzuziehen. Aber das Gegenteil war der Fall. Er lud mich zu sich in sein Häuschen ein, bewirtete mich mit einer Brotzeit und reichlich Slibowitz und outete sich als Seemann im Ruhestand. Er erzählte auf englisch von seinen Reisen, insbesondere von Skandi-navien bis hinauf zur Barentssee. Als er von Andenes auf den Vesterålen Andøya, von dem kleinen Fischereihafen in Gamvik auf der Nordkinnhalvøya, von Vardø auf der Varangerhalvøya und von Kirkenes erzählte, konnte ich auch meinen Teil zu den Schilderungen beitragen und von meiner Motorradreise, die ich 4 Jahre zuvor nach Skandinavien unternommen hatte, berichten und ich äußerte mich über die Orte, wie sie heute aussehen. Das gemeinsame Klönen ging bis weit in die Nacht und der weitgereiste kroatische Seemann begleitete mich zum Schluss mit einer Taschenlampe zu meinem Zelt. Der Wind hatte merklich nachgelassen und ich kroch zufrieden und mit vielen Erinnerungen in den Schlafsack.

 

5 - Mit Hilfe von Wind und Flaute eine Seekajk-Reise planen und durchführen

 

Meine erste Rundreise in der Adria hatte ich so geplant, dass ich an der Außenseite der dalmatinischen Inseln nach Süden paddelte und den Maistral ausnützte. Auf dem Rückweg schipperte ich an der Küste entlang und nutzte die dort in den Sommermonaten meist vorhergesagten Flauten aus, bis auf die weni- gen Ausnahmen, an denen ich der Bora und einigen Gewittern ausgesetzt war. Die Einplanung von vor- herrschenden Winden, Wellen und Strömungen schon bei der Vorbereitung einer Seekajaktour, erleichtert die spätere Durchführung und macht die Reise zu einem gelungenen Urlaub, steigert Erholung, Spaß und das Vergnügen beim Seekajaking.

 

Auch während der Fahrt selbst folge ich manchmal spontan dem Wind und den Wellen. Von der Insel Ilovik wollte ich eigentlich zur Insel Premuda paddeln. Als ich aber die „Meltemi-Düse“ zwischen den Inseln Sveti Petar und Ilvolik passierte, wehte der Wind genau in Richtung zu dem Eiland Silba und die Wellen liefen ebenfalls darauf zu. Kurzentschlossen schwenkte ich zur Insel Silba ab, erreichte sie innerhalb kürzester Zeit. Für die rund 9 Kilometer benötigte ich knappe 45 Minuten, was einer Geschwin-digkeit von 12 km/h entsprach und dabei musste ich mich nicht einmal anstrengen. Im Lager setzte ich dann den neuen Kurs ab, um wieder auf meine eigentliche Route zu gelangen.

 

Meine kleinen Erzählungen sollen dazu beitragen, eine Verbindung zwischenTheorie und Praxis herzu-stellen und auch die immer wieder auftretenden menschlichen Schwächen aufzuzeigen, insbesondere wenn es sich um die Schönheiten der Natur handelt und man dann alles theoretische Wissen über Gefahren und die daraus entstehenden möglichen Komplikationen in den Wind schlägt.

 

 

 

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